Kritik an Polizeiarbeit bei den WEF-Demos in Bern und Basel
Bei der unbewilligten Demonstration gegen das World Economic Forum (WEF) vom 19. Januar 2008 in Bern hat die Polizei mittels Grossaufgebot 242 Personen verhaftet, darunter zahlreiche Jugendliche und zwei Journalisten. Gemäss Medien- und Augenzeugenberichten ist ein Grossteil der Personen aufgrund von äusseren Merkmalen willkürlich festgenommen worden, bevor sie sich den Demonstrierenden anschliessen konnten.
Neu an diesem Szenario war, dass die Berner Regierungsstatthalterin Regula Mader von der Kantonspolizei gebeten wurde, die Behandlung der festgenommenen Personen in den beiden Haftzentren zu beobachten und ihre Einschätzung öffentlich zu machen.
Berichterstattung zu den Vorgängen am 19. Januar 2008
- Journalisten vor, während und nach Demonstrationen
Peter Studer für den Jusletter, 25. Februar 2008 (pdf, 5 S.) - Anstössige Ordnungshüter
Wochenzeitung (WoZ), 28. Februar 2008 - Zehn Minuten Panik
WoZ vom 24. Jan. 2008
- Auf Krücken in den Knast
WoZ vom 24. Jan. 2008
- Medienmitteilung von augenauf Bern, 19. Januar 2008
- Katz- und-Maus-Spiel in Berns Innenstadt
Der Bund, 21. Januar 2008 (pdf, 2 S.)
Juristisches Nachspiel in Bern
Unterdessen ist auch klar, dass das Vorgehen der Polizei bei der verbotenen Demonstration vom 19. Januar ein juristisches Nachspiel hat. Der Polizei wird vorgeworfen, einem angehaltenen Bluter die nötige Hilfe nicht gewährt zu haben. In diesem Falle hat die Polizei selbst einen Untersuchungsrichter mit der Abklärung der Vorwürfe beauftragt. Ausserdem wurde wegen der Verhaftung zweier Journalisten (der WOZ und von Le Courrier) eine Anzeige eingereicht.
Monitoring der Berner Regierungsstatthalterin
Die Regierungsstatthalterin Regula Mader wurde von der Kantonspolizei Bern kurzfristig beauftragt, die Situation in den beiden Haftzentren während der Ereignisse zu beobachten und einen Bericht vorzulegen. Ihre Einschätzung und Empfehlungen hat Regula Mader am 29. Janurar 2008 in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Kommandanten der Berner Kantonspolizei Stefan Blättler der Öffentlichkeit vorgestellt.
Die Regierungsstatthalterin hat der Polizeiarbeit in den Haftzentren als ungenügend in diversen Punkten eingestuft, so die mangelnde Information der Festgenommenen, die völlig mangelhafte Infrastruktur (1 PC sowie 1 WC), sowie die mangelhafte Versorgung und eine unnötig demütigende Behandlung der Festgenommenen in Form des Zwangs zu teilweise oder ganzer Entkleidung. Nicht geäussert hat sie sich zur Polizeitaktik der massenhaften präventiven Festnahmen. Hingegen hat die Regierungsstatthalterin der Kantonspolizei die Grundsätze des grundrechtskonformen und verhältnismässigen Polizeihandelns in Erinnerung gerufen.
Bemerkenswert einsichtig hat der Berner Polizeikommandant Stefan Blättler auf die Kritik reagiert, indem er einige gravierende Mängel zugegeben und den Willen zur Verbesserung der Polizeiarbeit bekundet hat.
- Berichterstattung zur unbewilligten Anti-WEF-Demonstration vom Samstag, 19. Januar 2008
Medienorientierung der Regierungsstatthalterin Regula Mader vom 29. Jan. 2008 (pdf, 6 S.) - Mängel bei Polizeiarbeit
Der Bund, 30. Jan. 2008 (pdf, 1 S.) - Kritik an der Polizeiarbeit
Der Bund, 30. Jan. 2008 (pdf, 1 S.) - Regierungsrat übernimmt Polizeiargumente
Artikel augenauf, September 2008 (pdf, 1 S.) - Bern: Polizeiwillkür durch Oberaufsicht abgesegnet
Artikel von vorwärts, Dezember 2008
Kommentar
Präventive und unbegründete Festnahmen sind aus Menschenrechtssicht ebenso wenig akzeptabel wie die von augenauf Bern und Betroffenen geschilderten schikanösen Haftbedingungen und die Haftdauer von bis zu zehn Stunden. Ausserdem ist zu bezweifeln, dass die grosse Anzahl an Festnahmen verhältnismässig war in einer Situation, da es von Seiten der Demonstrationswilligen praktisch zu keinen Sachbeschädigungen oder Gewalttaten kam.
Aus unserer Sicht bedeutet das von der Kantonspolizei organisierte Monitoring einen Schritt in die richtige Richtung. Wir würden es sehr begrüssen, wenn ein solches Monitoring künftig beim unfriedlichen Ordnungseinsatz der Polizei zur Regel würde. Allerdings muss die Qualität des Monitorings verbessert werden. Insbesondere fordert Humanrights.ch / MERS:
- Gemischte Monoring-Gruppe von Amtsvertreter/innen und unabhängigen Menschenrechtsorganisationen
- Monitoring der Polizeiarbeit sowohl auf der Strasse wie in den Haftzentren
- Rasche Veröffentlichung eines Monitoring-Berichts
Informationen zu ähnlichen Vorfällen
- Eine «ausserordentlich grosszügige Formulierung»
WochenZeitung, 13. März 2008 zu einem Untersuchungsbericht, der das Vorgehen der Polizei in Basel am 26. Januar 2008 verurteilt - Unverhältnismässiger Polizeieinsatz in Luzern
Artikel auf humanrights.ch vom Dezember 2007 - Massenhafte Personenkontrollen - präventive Verhaftungen - demütigende Behandlungen
Artikel auf humanrights.ch vom Januar 2005
Update: 29.01.2009


