Kritik an einem Entscheid des italienischen Gerichtshofs
Das höchste italienische Gericht in Rom hat Anfang August 2007 einen Vater freigesprochen, der seine Tochter geschlagen und gefesselt hatte. Der Entscheid sowie dessen Begründung sind aus Sicht der Frauenrechte nicht nachvollziehbar und liefern der antimuslimischen Polemik viel Munition, da er als Freipass für das Scharia-Rechtsverständnis innerhalb der Familie aufgefasst werden kann. Auch in deutschsprachigen Blogs wird der italienische Gerichtsentscheid eifrig diskutiert, die Medien haben hingegen bisher nicht darüber berichtet.
Schläge von Vater und Bruder
Der Fall von Fatima R., einer Jugendlichen mit marokkanischen Wurzeln aus Bologna, kam gemäss einem Artikel der französischen Zeitung La Libération im Jahr 2003 vor ein lokales Gericht. Sie hatte sich heimlich mit einem jungen Italiener getroffen und pflegte einen westlichen Lebensstil. Als die Freundschaft aufflog, ging sie nicht mehr zur Arbeit und traf sich stattdessen weiter ihm. Zudem drohte sie aus Furcht vor der Reaktion der Eltern mit Selbstmord. Diese hielten sie darauf zu Hause fest. Gemäss Schilderungen des Anwalts von Fatima banden die Eltern die junge Frau an einen Stuhl, von dem sie nur losgebunden wurde, um vom Vater oder Bruder geschlagen zu werden.
Richter: «Zu ihrem Wohl» bestraft
Die erste Instanz verurteilte die Eltern wegen Freiheitsberaubung und Misshandlung. Das Appellationsgericht und das oberste Gericht entschieden jedoch anders und befanden, dass kein Delikt geltend gemacht werden könne. Schläge, Misshandlung und Freiheitsberaubung erachteten die Richter zwar als erwiesen. Sie sprachen die Eltern aber mit der Begründung frei, die junge Frau sei «zu ihrem Wohl» bestraft worden. Das Gericht hielt dem Vater gemäss La Libération zugute, er habe seine Tochter «nicht aus schikanösen oder verachtenden Motiven» und «nicht regelmässig» geschlagen. In seinem ganzen Leben habe er seine Tochter nur drei Mal geschlagen - oben drein stets im Glauben, «dass das Verhalten der Tochter nicht korrekt sei». Die Richter seien zum Schluss gekommen, dass Vater, Mutter und Bruder gezwungen waren, sie festzubinden, um zu verhindern, dass die Jugendliche sich keinen Schaden zufüge, schreibt La Libération weiter.
- La justice italienne absout la charia en famille
Artikel aus «La Libération» vom 10. August 2007 (pdf, 2 S., Text auf französisch) - Don Camillo und der Imam
NZZ, 19. November 2007 (pdf, 6 S.)
Update: 20.08.2007


