HIV/AIDS: Zugang zu Medikamenten
Eine der grössten mit Menschenrechten zusammenhängenden Herausforderungen für die HIV-Bekämpfung ist der gleichberechtigte Zugang zu HIV-Medikamenten und –Therapien. Viele Menschen haben auch im Jahr 2010 keinen Zugang zu präventiven oder kurativen Massnahmen gegen HIV/Aids und konnten damit ihr Recht auf Gesundheit nicht verwirklichen. Im Jahr 2010 hatten nur ein Drittel der HIV-Betroffenen Zugang zu antiretroviraler Therapie (ART), der bislang erfolgreichsten medikamentösen Behandlungsstrategie - dies obwohl die UNO-Mitgliedstaaten sich 2006 das Ziel gesetzt hatten, universellen Zugang (definiert als 80-prozentige Abdeckung der betroffenen Bevölkerung) bis 2010 zu gewährleisten. Dieses Ziel ist auch Teil des Millennium Development Goals Nr. 6, das verlangt, die Verbreitung von HIV/Aids bis 2015 zu stoppen und rückläufig zu machen.
Fortschritte
Der aktuelle Bericht von WHO, UNICEF und UNAIDS vom September 2010 über die Umsetzung des universellen Zugangs stellt fest, dass seit 2006 trotzdem erhebliche Fortschritte gemacht wurden. Der Zugang zu Behandlung konnte ausgeweitet werden, im Jahr 2009 sogar um einen Drittel mehr als im vorhergehenden Jahr. Acht Länder mit geringem Pro-Kopf-Einkommen (Klassifizierung der Weltbank: low- and middle-income countries) erreichten das Ziel des universellen Zugangs bereits im Dezember 2009 (Botswana, Kambodscha, Kroatien, Kuba, Guyana, Oman, Rumänien und Ruanda). Ausserdem haben in den letzten Jahren sinkende Preise dafür gesorgt, dass die Medikamente für eine ART in Ländern mit geringem Pro-Kopf-Einkommen vermehrt zugänglich wurden. Den Rückgang der Medikamentenpreise führen die Autoren des Berichts unter anderem auf vergrösserte Behandlungsprogramme, die Vorhersehbarkeit der Nachfrage, den zunehmenden Wettbewerb zwischen von der WHO qualifizierten Medikamenten (vor allem wegen Generika) und auf neue Preisstrategien einiger pharmazeutischer Unternehmen zurück. Fortschritte konnten zudem auch in den Bereichen HIV-Tests und –Beratung sowie bei der Prävention der Übertragung von HIV von Müttern auf ihr Kind erzielt werden.
Hindernisse
Trotz dieser ermutigenden Befunde konnte das Teil-Millenniumsziel des universellen Zugangs zu Prävention, Behandlung und Pflege bis 2010 nicht erreicht werden. Vor allem in Sachen Medikamentenpreise bleibt gemäss verschiedener NGOs viel zu tun: Internationale Übereinkommen zum Schutz geistigen Eigentums (Agreements on trade related aspects of intellectual property rights - TRIPs) bewirken, dass neu entwickelte, bessere Medikamente gegen HIV/Aids nur in Ländern verfügbar sind, die genügend Ressourcen haben, um die hohen (Forschungs-)Kosten zu decken. Ärmere Länder werden so gezwungen abzuwarten, bis die Patente der Pharmafirmen auf den neuen Medikamenten auslaufen oder die patentrechtlichen Preise gesenkt werden.
Immerhin konnten die Pharmaunternehmen durch den Preisdruck von in Ländern wie Indien und Brasilien hergestellten Generika in den letzten Jahren zu neuen Preisstrategien bewegt werden. Daraus entstanden Initiativen wie das «Tiered Pricing» (abgestufte Preisfestsetzung) und der Global Price Report Mechanism, sowie neue Arten der Lizenzvergabe für patentierte Produkte und die Idee eines «Patent Pools», um die Auswirkungen von TRIPs auf den Kampf gegen HIV/Aids abzuschwächen.
Als aktuellste Herausforderung sehen WHO, UNAIDS und UNICEF die zunehmenden Spendenverluste durch die globale Rezession der letzten beiden Jahre, was vor allem auch negative Auswirkungen auf den Zugang zu Medikamenten hat.
Treatment 2.0
Im Grossen und Ganzen befinden WHO, UNAIDS und UNICEF in ihrem Bericht allerdings, dass sich die Investitionen in eine globale HIV/Aids-Bekämpfung bereits auszuzahlen beginnen und dass rückläufige Infektionsraten sich sozial und ökonomisch positiv auswirken. Um diese positiven Trends fortzusetzen und auch die MDGs mit Bezug auf Gesundheit zu erreichen, setzen die UNO-Organisationen vor allem auf den menschenrechtsbasierten Ansatz. UNAIDS präsentierte zudem im Juli 2010 einen umfassenden Ansatz zur HIV-Behandlung, der die Zahl der AIDS-Toten bis 2025 um zehn Millionen vermindern soll. Ihr Strategiepapier «Treatment 2.0» betont die Rolle, die ein besserer Zugang zu Behandlung und Medikamenten bei der Bekämpfung von HIV/Aids spielt.
Quellen
- Human rights – a central concern for the global HIV response
Medienmitteilung der WHO zum World Aids Day 2010, 30. November 2010 - Universal access to prevention, treatment and care by 2010
Übersichtsseite der WHO zum Ziel des universellen Zugangs - Universal access to HIV/Aids treatment: targets and challenges
Ausführliche Informationsseite der internationalen NGO «Avert» - Towards universal access: Progress Report 2010
Bericht von WHO, UNAIDS und UNICEF, September 2010 (pdf, 150 S.) - Ten million deaths and one million new HIV infections could be averted if countries meet HIV treatment targets
Medienmitteilung von UNIADS zu Treatment 2.0, 13. Juli 2010 - Treatment 2.0
Fact Sheet von UNAIDS, 2010 (pdf, 14 S.) - Aids, drug prices and generic drugs
Ausführliche Informationsseite von «Avert» zu Medikamentenpreisen - History of Aids: 2007 onwards
Informationsseite von «Avert» zu den Entwicklungen seit 2007 - Behandlung und Pflege
Thema auf der Webseite der Schweizerischen Fachplattform HIV/Aids und internationale Zusammenarbeit
Update: 08.02.2011


