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Exemplarische Sozialrechte: Recht auf Bildung

Das Recht auf Bildung ist ein fundamentales Menschenrecht, zu dessen Einhaltung sich die Vertragsstaaten von UNO Pakt I in Artikel 13 und in Artikel 14 verpflichtet haben. Bildung wird als Schlüssel zur persönlichen Entwicklung angesehen und soll den Weg zu sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung freimachen.

Trotz positiver Entwicklung noch zu viele ohne Bildung

Im Jahre 2000 waren insgesamt 102 Millionen Kinder aus verschiedenen Gründen daran gehindert, eine Schule zu besuchen. Im Jahre 2011 war die Zahl um fast die Hälfte gesunken; sie betrug 57 Millionen, wobei mehr als die Hälfte dieser Kinder aus der Subsahara Region kommen. Global gesehen fehlt 123 Millionen jungen Leuten zwischen 14 und 25 Jahren das Grundwissen im Schreiben und Lesen. 61 Prozent von ihnen sind junge Frauen. Mehr als 20 Prozent der Kinder aus Afrika haben noch nie eine Schule besucht. Die schulische Ausbildung wird gemäss Unicef insbesondere Kindern verwehrt, die einer ethnischen, kulturellen oder sprachlichen Minderheit angehören oder aus ärmlichen, abgeschiedenen Gegenden kommen.

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    Informationen auf der Website der Unicef (in Englisch)

Armut und Konflikte im Land als Hauptursache für Verletzung

Armutsverhältnisse, kulturelle Traditionen und bewaffnete Konflikte sind die Ursachen für die hohe Zahl an ungebildeten Kindern weltweit. In vielen Entwicklungsländern sind Eltern auf die Mitarbeit der Kinder angewiesen, um die Existenz zu sichern. Kinder müssen wegen aufwändiger Nahrungsmittelbeschaffung im Haushalt und bei der Feldarbeit helfen. Viele Familien können die für die schulischen Materialien notwendigen finanziellen Mittel nicht aufbringen. Häufig sind die Eltern zudem Analphabeten und die Motivation, die Kinder in die Schule zu schicken, ist gering.

Ein weiterer Faktor ist die finanzielle Lage der Staaten. Viele Entwicklungs- und Schwellenländer verfügen nicht über die finanziellen Mittel, um genügend Schulen zu bauen, Lehrer/innen einzustellen und für die erforderliche Ausstattung zu sorgen. Die Folge ist, dass Schulen fehlen und die bestehenden Schulen oft schlechter Qualität sind: Lehrer/innen sind nicht ausgebildet, Schulklassen sind überfüllt, Lehrmaterialien und sanitäre Einrichtungen sind nicht oder kaum vorhanden. Die fehlenden Mittel führen auch dazu, dass Kinder in abgeschiedenen Gebieten täglich beschwerliche oder gefährliche Schulwege auf sich nehmen müssen. Viele Eltern verzichten darauf, ihre Kinder den Gefahren auszusetzen; die Kinder bleiben stattdessen zu Hause.

Nicht zuletzt verwehren Konflikte und Kriege den Kindern das Recht auf Bildung. Schulen werden angegriffen und zerstört oder von Milizen oder Armee-Einheiten besetzt, um sie etwa als Kasernen zu nutzen. Insgesamt werden 28,5 Millionen Kinder weltweit durch bewaffnete Konflikte daran gehindert, zur Schule zu gehen; insbesondere die Lage in Zentralafrika, Mali, Syrien oder Kongo trägt zu dieser hohen Zahl bei.

Geschlecht-Bildung-Gesundheit

54 Prozent der ungeschulten Kinder weltweit sind Mädchen. Einem Teil von ihnen wird aus kulturellen Gründen die Möglichkeit vorenthalten, sich zu bilden. In einigen arabischen oder asiatischen Ländern etwa ist die Ansicht verbreitet, dass Mädchen zu Hause den Haushalt mit der Mutter führen müssen und nur die Jungen ein Recht auf Bildung haben. In diesen Ländern fehlt selbst bei den Behörden das Interesse, diese Ungleichbehandlung zu bekämpfen.

Dies hat nicht nur für die ausgeschlossenen Frauen und Mädchen weitreichende Konsequenzen. Der Unesco-Bericht «Teaching and Learning: Achieving Quality for all» zeigt, dass die Bildung von Frauen und Mädchen sich auf deren Gesundheit auswirkt. Die Unesco konnte nachweisen, dass gebildete Frauen eine öffentliche Gesundheitseinrichtung eher in Anspruch nehmen als ungebildete und dass sie zudem weniger und später Kinder bekommen. Daraus ziehen die Fachleute u.a. den Schluss, dass die Müttersterblichkeit um 66 Prozent sinken würde, wenn alle Frauen die Gelegenheit hätten die Schule zu beenden. Sie zeigen auch, dass gebildete Frauen gesündere Kinder haben. Frauen, die eine Bildung geniessen, sind sich ihrer Rechte in Bezug auf ihren Körper bewusster. Sie lehnen ungeschützten Sex eher ab, was sie vor einer ungewollten Schwangerschaft und vor Krankheiten schützt. Auch ist eine Frau, die Lesen und Schreiben kann, eher befähigt, sich über präventive gesundheitliche Vorsorgung zu informieren und diese für sich und ihre Schutzbefohlenen in Anspruch zu nehmen, um den Schutz vor schweren Krankheiten zu erhöhen.

Verletzung des Rechts auf Bildung: Exemplarische Beispielsfälle

Bangladesch

In Bangladesch besteht für Kinder zwischen 6 und 10 Jahren Schulpflicht. Dennoch gibt es zu viele Kinder, die diese Pflicht nicht wahrnehmen können. Etwa 5,97 Millionen Kinder haben die Grundschule nicht beendet; 1,16 Millionen der Schulpflichtigen gingen bisher nie zur Schule. Besonders behinderten Kindern, Kindern aus Minderheitengruppen und Kindern aus armen Familien bleibt Bildung verwehrt. Hinzu kommt, dass die Qualität der Bildungseinrichtungen in Bangladesch oft sehr schlecht ist. Nur zwei Drittel der Lehrer verfügen über eine abgeschlossene Ausbildung. Es fehlt an sanitären Anlagen und Elektrizität. Schüler und Schülerinnen berichten von Misshandlungen durch Lehrer; Mädchen sind von sexueller Belästigung in der Schule oder auf dem Schulweg besonders betroffen.

Die Behörden müssen dafür sorgen, dass allen Kindern, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem sozialen Hintergrund und gemäss ihren Bedürfnissen der Zugang zu den schulischen Einrichtungen gewährt wird. Die Qualität der Schulen muss dringend verbessert werden, durch strengere Qualifikationserfordernisse und durch eine geregelte Lehrerbildung. Lehrer/innen, die sich an ihren Schülern oder Schülerinnen vergreifen, sind zu entlassen und müssen sanktioniert werden.

Madagaskar

In Madagaskar gehen etwa 1,2 Millionen Kinder nicht zur Schule. 14,2 Prozent der Kinder haben noch nie eine Schule besucht. Nur 66 Prozent der Kinder beenden die Schule. Viele werden erst gar nicht eingeschult. Unter den Schulabbrechern sind viele Mädchen. Der Staat unterstützt das Bildungssystem im Land rudimentär. Seit einem Staatsstreich im Jahr 2009 ist das Budget der Regierung für die Bildung um 4 Prozent gesunken. Für viele Familien sind damit die Kosten für Bildung signifikant gestiegen. In den überwiegend ländlichen Gebieten fehlen Infrastruktur und qualifiziertes Personal. Viele Kinder müssen lange Wege durch Hitze und gefährliche Gebiete zur nächsten Schule auf sich nehmen. Die Lehrer sind in der Regel schlecht ausgebildet; Unterricht wird in vielen ländlichen Gegenden oft nur bis zur 2. Klasse angeboten.

Das Budget für das madagassische Bildungssystem muss dringend wieder erhöht werden. Schulen müssen gebaut und erneuert werden. Es muss mehr und qualifizierteres Personal ausgebildet werden. Den Schulen muss das notwendige Schulmaterial zur Verfügung stehen.

Jemen

Jemen hat die höchste Analphabetenquote im Nahen Osten und eine der niedrigsten Einschulungsquoten weltweit. Jungen und Mädchen wachsen in einem der ärmsten arabischen Länder mit den geringsten Möglichkeiten auf Bildung und Entwicklung auf. Schuld an der fehlenden Bildung sind langanhaltende Konflikte. Sie hindern die Kinder daran, zur Schule zu gehen. Streitkräfte haben viele Schulen komplett oder zum Teil für sich vereinnahmt. Schüler/innen und Lehrerschaft können dadurch die Schule nicht oder nur sehr beschränkt nutzen. Für die geringe Einschulungsquote gibt es zudem kulturelle Gründe. Die Familien sind sehr konservativ. Es herrscht strikte Geschlechtertrennung und Mädchenschulen sind selten. 80 Prozent der Mädchen in Jemen gehen nicht zur Schule. Die wenigen Mädchen, die eine Schule besuchen, müssen sie oft nach kurzer Zeit abbrechen, denn Kinderehen sind üblich.  

Die Kinder sollten sich ohne Gefahr für Leib und Leben auf ihre Bildung konzentrieren können. Die Konfliktparteien dürfen Schulen nicht für ihre Interessen instrumentalisieren. Im Land muss es zu gesellschaftlichem Umdenken kommen, sonst stehen die Chancen für soziale und gesellschaftliche Entwicklung schlecht. Mädchen müssen dieselben Bildungschancen haben wie Knaben. Die internationalen Vertragspartner müssen Jemen unter Druck setzen, damit die Regierung ihren Verpflichtungen aus den internationalen Übereinkommen nachkommt und etwa die Kinderehe ausdrücklich verbietet. 

Fazit

Bildung ist lebenswichtig; sie trägt zur sozialen Entwicklung bei und kann Leben retten. Ein Land, in dem jede und jeder die gleiche Chance hat das Recht auf Bildung auszuüben, wird sich wirtschaftlich und sozial besser entwickeln als ein Land, das seiner jungen Generation die Möglichkeit auf Bildung verwehrt.

Für ein gut funktionierendes flächendeckendes Bildungssystem sind hinreichende finanzielle Mittel notwendig. In westlichen, entwickelten Staaten beansprucht die Bildung in der Regel einen beträchtlichen Teil des Staatsbudgets. Es muss Infrastruktur erstellt und erhalten werden, es braucht Schulmaterial und eine gut ausgebildete Lehrerschaft, die nach strengen Kriterien ausgewählt und angemessen entlohnt wird. Wichtig sind auch rechtliche Vorkehrungen und Sensibilisierungsmassnahmen, die zum Schutz der Kinder vor Gefahren auf dem Schulweg und vor Gewalt und Missbrauch im Umfeld der Schule beitragen.

Damit genügend Mittel in entsprechende Einrichtungen fliessen, braucht es unter anderem eine breit abgestützte Bildungspolitik mit internationaler Unterstützung. Die meisten Entwicklungsländer weisen hohe Auslandsverschuldungen auf; und der Schuldendienst hemmt die wirtschaftliche Entwicklung dieser Länder. Die meisten Regierungen der Gläubigerländer und auch der IWF und die Weltbank als Gläubiger sind oftmals nicht bereit, den armen Ländern ihre Schulden zu erlassen. Und wenn es zu einem Schuldenerlass kommt, wird dieser oft an Sparvorgaben für den Staatshaushalt geknüpft, was sich wiederum negativ auf den Bildungsbereich auswirkt. Hier müssen von allen Beteiligten neue Wege beschritten werden, welche zu öffentlichen Investitionen in Infrastruktur, Bildung und soziale Sicherheit führen.

Unabdingbar ist ein funktionierender Rechtsstaat. Korruption, Gewalt und Straflosigkeit sind für das Bildungssystem äusserst unvorteilhaft. Für eine bessere Einschulungsrate in Entwicklungs- und Schwellenländern ist Sensibilisierung wichtig, damit traditionelle Vorbehalte überwunden werden. Zudem müssten Wege gefunden werden, um den Schulbesuch von Kindern aus armen Familien zu unterstützen, denn zu oft sind kleinbäuerliche Familien für die Ernährung auf die Arbeitskraft von Kindern angewiesen.

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Update: 30.05.2014

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