Studie von Terre des Femmes zum Thema Ehrenmorde

Obwohl Ehrverbrechen seit langem existieren, ist die westeuropäische Öffentlichkeit erst seit relativ kurzer Zeit darauf aufmerksam geworden. Die fundierte Studie «Ehrenmord», die von Terre des Femmes im Auftrag des Europäischen Parlaments im Jahre 2005 erstellt und publiziert wurde, liefert einen nützlichen Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema Ehrverbrechen und Ehrenmorde. Die Studie behandelt die Thematik sowohl mit Blick auf die Herkunftsländer, als auch im Rahmen des Migrationskontextes.

Was ist ein Ehrenmord?

In einem ersten Teil informiert die Studie über Grundsätzliches zum Thema Ehrenmord: über die Merkmale und Ursachen, wobei vor allem auf den traditionellen Ehrenkodex eingegangen wird, der mit seinem geschlechterspezifischen Rollenverständnis die Grundlage für Ehrverbrechen bildet; über die Gründe, welche sehr vielfältig sind und je nach der tradionellen Einstellung der Familie oder der Gesellschaft stark variieren; über die unterschiedlichen Formen von psychischer und physischer Gewalt, wobei der Ehrenmord das Extrem darstellt; über Verbreitung, den möglichen Schutz für die Betroffenen und die Bestrafung der Täter. Dabei wird deutlich, dass Ehrverbrechen in patriarchalischen Kontexten stark legitimiert sind. Der Ehrkodex steht häufig über nationalen und internationalen Gesetzen. Zur Schaffung eines klaren Begriffsverständnisses wird der Ehrenmord zudem zu anderen Formen von Mord und Gewalt, wie häusliche Gewalt oder Verbrechen aus Leidenschaft, abgegrenzt. Der zweite Teil befasst sich mit dem Ehrenmord in den Herkunftsländern, exemplarisch an den Länderbeispielen Türkei und Pakistan.

Türkei und Pakistan

In der Türkei werden nach Schätzungen von Amnesty International ein Drittel bis die Hälfte aller Frauen in der Familie Opfer von Gewalt. Sie werden geschlagen, vergewaltigt, zwangsverheiratet, umgebracht oder zum Selbstmord gezwungen. Fortschritte im Strafgesetz wurden durch die Aufhebung des Artikel 462 im Jahre 2003 gemacht, demzufolge der Beweis oder Verdacht einer Untreue der Ehefrau als Provokation zum Mord galt. Weitere Artikel zur Strafminderung bei Ehrverbrechen bleiben jedoch weiterhin in Kraft. Pakistan hat die höchste Ehrenmordrate weltweit und gilt durch die Häufung der Ehrenmorde als Sonderfall. In diesem System gilt der Mann als das Opfer, wenn seine Frau, Schwester oder Tochter beschuldigt wird, die Ehre verletzt zu haben. In einigen Provinzen, wie Sindh, muss der Mann seine Ehre sogar öffentlich wiederherstellen. Dies nicht zu tun, käme einem noch grösseren Ehrverlust gleich.

Migrationsfamilien in Europa

Der dritte Teil der Studie befasst sich mit den Ehrenmorden innerhalb von Migrationsfamilien in Europa. Die Opfer aus den Migrationsfamilien leben teilweise in Parallelgesellschaften, sind auf den häuslichen Bereich beschränkt und haben aufgrund von Sprachproblemen und aufenthaltsrechtlichen Abhängigkeiten von der Familie oder dem Ehemann kaum die Möglichkeit, sich der Gewalt zu entziehen. Erst in den letzten Jahren ist in Europa das Bewusstsein gewachsen, dass in Migrantencommunities öfters Verbrechen im Namen der Ehre geschehen und Lösungsstrategien notwenig sind. Allerdings variieren in den europäischen Ländern der Kenntnisstand über die Verbreitung, das gesellschaftliche Problembewusstsein sowie die bereits durchgeführten Massnahmen und Strategien von Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen. Die Studie informiert über die Situation in einigen Ländern, wobei Deutschland, Schweden und Grossbritannien umfangreich und detailliert behandelt werden.

Präventionsmöglichkeiten

Der letzte Teil der Studie stellt die Präventionsmöglichkeiten und die Forderungen von Terre des Femmes zur Abschaffung von Ehrenmorden und anderen Formen von Gewalt im Namen der Ehre auf nationaler und internationaler Ebene vor. Die Regierungen der betroffenen Länder werden aufgefordert, ihre internationalen Verpflichtungen bzw. die ratifizierten Menschenrechtsabkommen einzuhalten und ihrer Verpflichtung, kulturellen Praktiken, die Frauen diskrimieren und sie ihrer fundamentalen Rechte berauben, zu unterbinden, nachzukommen.

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02.11.2015