Schweizer Muslime und ihr Verhältnis zur westlichen Gesellschaft

Im Juni 2005 haben gleich zwei muslimische Gruppen ihre Haltung als Schweizer Muslime zur westlichen Gesellschaft öffentlich thematisiert. Beide Stellungnahmen zeigen, dass innerhalb der muslimischen Gemeinschaft, welcher in der Schweiz rund 310'000 Menschen angehören, intensiv über Werte diskutiert wird.
Mit einem festlichen Akt im Zürcher Stadthaus verabschiedete die Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ) ihre Grundsatzerklärung, die Vorurteilen und Misstrauen gegenüber Muslimen den Riegel schieben soll. Mit einem Bekenntnis zur Demokratie und zur Rechtsstaatlichkeit soll laut Ismail Amin, Präsident der VIOZ, das Missverständnis beseitigt werden, Muslime stellten die Scharia über die Gesetze der Gastgeberländer.
Die Erklärung der VIOZ hat gemäss NZZ nicht nur den Zweck, dass Schweizer die Muslime besser verstehen. Die Erklärung richte sich auch an Zürcher Muslime und solle «das Bewusstsein dafür stärken, dass sie den Grundwerten der westlichen Gesellschaft verpflichtet sind.»
Ein ähnliches Ziel dürfte auch das Forum für einen fortschrittlichen Islam (FFI) verfolgen, wenn auch mit provokativeren Mitteln. Gemäss einem Artikel der Basler Zeitung BaZ hatte diese junge muslimische Gruppe mit einem eigenen Positionspapier zu Themen wie Homosexualität, Kopftuch und Zwangsehe auf sich aufmerksam gemacht. FFI sprach sich dabei unter anderem für ein Kopftuchverbot für Lehrerinnen aus. Das Papier der FFI wurde von verschiedener Seite kritisiert.

Die Heterogenität der muslimischen Gemeinschaft wird auch durch eine von der Forscherguppe «Islam in der Schweiz» erstellte Studie untermauert, die von der Eidg. Kommission für Ausländerfragen (EKA) in Auftrag gegeben wurde. «Die Klischees und Stereotypen der Schweizerinnen und Schweizer über Muslime entsprechen nicht der Realität», sagte EKA-Präsident Francis Matthey im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der Studie, welche darüber hinaus aufzeigt, dass es für die hiesigen Muslime keinen Widerspruch zwischen demokratischem Grundverständnis und Islam gibt. Unter den Muslimen ist nämlich eine Tendenz auszumachen, wonach religiöse Praktiken vermehrt als Privatsache angesehen werden. Als problematisch nehmen die befragten Muslime hingegen die Unterschiede in der Praxis des Glaubens, etwa in der Definition der Rolle der Frauen, wahr. Die Kopftuchfrage wird denn auch unterschiedlich bewertet. Dagegen zeigten die Befragten für Praktiken wie Mädchenbeschneidung, Kinderheirat und körperliche Züchtigung von Frauen kein Verständnis.

Für die Studie wurden 30 in der Schweiz lebende Muslime ausgesucht. Sie stammen aus zwölf verschiedenen Ländern und leben in elf Kantonen.

30.10.2005