Update: 08.08.2017

Knabenbeschneidung: Für die einen eine unentbehrliche, für die anderen eine gefährliche Praxis

Die Beschneidung von Knaben ohne medizinische Notwendigkeit wird in Europa seit einigen Jahren kontrovers diskutiert. In einer Resolution zum Recht der Kinder auf körperliche Integrität erwähnte die Parlamentarische Versammlung des Europarates 2013 nicht nur die Genitalverstümmelung bei Mädchen, sondern auch die Knabenbeschneidung als Grund «besonderer Besorgnis». Vertreter von jüdischen und muslimischen Organisationen kritisierten die Resolution stark.

Auslöser war ein deutscher Fall

Grundlage für die Resolution war ein Bericht der deutschen Abgeordneten Marlene Rupprecht, die sich mit der Frage der Beschneidung vertieft auseinandergesetzt hatte, nicht zuletzt anlässlich der in Deutschland im Jahre 2012 stattgefundenen Debatte über eine neue Gesetzesregelung für solche Beschneidungen. Die Resolution des Europarates hielt dann fest, dass aus ethischer Sicht die regelmässig praktizierte Beschneidung von Kindern zunehmend  als Verletzung der Kinderrechte zu betrachten sei, insbesondere wenn sie von unqualifizierten Personen und in nicht sterilem Umfeld (zuhause, in einem religiösen Gebäude etc.) stattfinde, wie dies im religiösen Rahmen der Fall sei.

Auslöser der Debatte war ein Fall, der 2012 vor dem Landsgericht Köln entschieden worden war: In seinem Urteil hielt das Gericht fest, dass die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen strafbar sei. Den angeklagten Arzt, der einen vierjährigen Knaben 2010 in seiner Praxis auf Wunsch der muslimischen Eltern fachgerecht beschnitten hatte, sprach das Gericht zwar frei. Das Urteil sorgte aber über Deutschland hinaus für beträchtlichen Wirbel und vor allem für rechtliche Ungewissheit. In der Folge konkretisierte Deutschland die Gesetzgebung (Art. 1631d BGB) und entschied, dass die Beschneidung von Knaben aus religiösen Gründen legal sei.

In der Schweiz werden solche Beschneidungen ebenfalls durchgeführt und gelten als legal. Allerdings gibt es seit einigen Jahren eine Debatte darüber, ob Beschneidungen ohne medizinische Notwendigkeit bei Knaben nicht zumindest bis zu einem gewissen Grad verboten werden sollten. Der Verein Pro Kinderrechte Schweiz setzt sich seit Jahren vehement für die Ansicht ein, dass eine Vorhautamputation ohne medizinische Notwendigkeit bei einem nicht einwilligungsfähigen Knaben geltendes Recht verletzt und somit strafbar sei. Die Organisation argumentiert mit der körperlichen Integrität des Kindes und bezeichnet die Knabenbeschneidung als Menschenrechenrechtsverletzung. Die Kampagne von Pro Kinderrechte fokussiert auf die Strafbarkeit der Beschneidung aus religiösen oder hygienischen Gründen, und fordert auch generell einen sorgfältigeren Umgang mit Beschneidungen von Knaben bei Vorhautverengungen (Phimosen).

    Was bedeutet «männliche Beschneidung»?

    Bei der männlichen Beschneidung– medizinisch Zirkumzision genannt – wird die Vorhaut (Präputium) im Bereich der Eichel chirurgisch entfernt. Je nachdem, ob die Vorhaut ganz oder nur teilweise entfernt wird, spricht man von einer vollständigen Beschneidung oder Teilbeschneidung. Der Eingriff ist irreversibel. Die Entfernung der Vorhaut und der darin befindlichen Nervenendungen führt zu einem spürbaren Sensibilitätsverlust. Die verbleibende Sensitivität wird infolge der Entfernung der schützenden Vorhaut und der damit verbundenen Verhornung der Eicheloberfläche weiter reduziert.

    Weshalb werden Knaben rituell beschnitten?

    Die rituelle Knabenbeschneidung ist ein über Jahrhunderte gewachsenes Element jüdischer und islamischer Religionen. Sie gilt für die Glaubenszugehörigkeit in beiden Religionen als wesentlich. Die jüdische Beschneidungszeremonie (Brit Mila) etwa wird als Eintritt in den Bund mit Gott angesehen und ist in ihrer Bedeutung vergleichbar mit der christlichen Taufe. Die rituelle Beschneidung eines Knaben an seinem 8. Lebenstag gilt als Gottesgebot, ausser der Säugling ist schwächlich und krank, dann wird sie verschoben. Der Koran erwähnt die Zirkumzision nicht ausdrücklich, dennoch ist sie im Islam als überlieferte Norm und wegweisende Tat des Propheten Mohammed weit verbreitet und wird zwischen Kindes- und Jugendalter durchgeführt.

    Präventiv-medizinische Begründungen

    Eltern lassen ihre Knaben in einigen Staaten auch beschneiden, weil dies zu einer besseren Hygiene führen und präventiv-medizinische Wirkungen haben soll. In den USA etwa werden solche Operationen an 20% bis 80% der Säuglinge durchgeführt. Die Beschneidungsraten variieren zwischen den einzelnen Bundesstaaten stark, was in direktem Zusammenhang mit der Kostenübernahme der Beschneidung entweder durch die Eltern oder durch die öffentliche Krankenversicherung steht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellte fest, dass die Beschneidung die Übertragung des HI-Virus bei heterosexuellen Paaren um 60% vermindert. Weitere positive gesundheitliche Effekte (selteneres Aufkommen von Peniskrebs, Harnwegsinfektionen) sind durch die WHO ebenfalls nachgewiesen worden. Diese Befunde haben in weiten Teilen Afrikas zu Massenbeschneidungen geführt. Allerdings zeigen jüngere Publikationen, dass diese Zusammenhänge sehr umstritten sind. So hat etwa die Zeitschrift GEO in einem Artikel vom Juli 2015 aufgezeigt, dass zahlreiche Wissenschaftler und Ärzte die Wirksamkeit der Beschneidungen ernsthaft bezweifeln.

    Religiöses Erziehungsrecht versus Rechte des Kindes

    Der Blick auf die Grund- und Menschenrechte zeigt, dass der Staat in Bezug auf seine Pflichten in dieser strittigen Fragen in einem Konflikt ist, der nur durch sorgfältige Interessensabwägung zu lösen ist: UNO-Pakt II hält in Artikel 18, Abs. 4 ausdrücklich die Entscheidungsbefugnis der Eltern in religiösen Belangen fest. Staaten sind demnach verpflichtet, «die Freiheit der Eltern (…) zu achten, die religiöse und sittliche Erziehung ihrer Kinder in Übereinstimmung mit ihren eigenen Überzeugungen sicherzustellen».

    Im Rahmen der Religionsfreiheit darf der Staat religiöse Rituale nicht ohne überwiegende Gründe einschränken. Der Staat muss Entscheide der Eltern achten, die diese im Interesse des Kindes fällen (Art. 5 Kinderrechtskonvention), unabhängig von den Motiven, die diese etwa dazu bewegen, eine Beschneidung zu veranlassen.

    Neben dem elterlichen Erziehungsrecht muss der Staat sodann die Rechte der Kinder schützen. Eine Beschneidung ist zweifellos ein Eingriff in die körperliche Integrität des Kindes. Dessen körperliche Unversehrtheit geniesst in vielen Rechtsordnungen einen besonderen Schutz (so auch in der Schweiz durch Art. 11 der Bundesverfassung). Zudem muss der Staat aktiv werden und Massnahmen ergreifen, um Kinder vor Gewalt zu schützen, und überlieferte Bräuche, die für die Gesundheit der Kinder schädlich sind, abzuschaffen, wie Artikel 24, Absatz 3 der Kinderrechtkonvention (KRK) festhält. Nicht unwichtig ist ferner, dass Kinder auch das Recht haben, sich eine Meinung zu bilden und diese zu äussern (Art. 12 KRK). Staat und Eltern sind verpflichtet, diese Meinung gemäss Alter und Reife des Kindes zu berücksichtigen. Bei einer Beschneidung in frühester Kindheit ist eine Meinungsbildung und -äusserung des Kindes unmöglich. Etwas anders sieht es aus, wenn die Beschneidung später stattfindet.

    Rechtliche Lage in der Schweiz

    Der angesprochene Kölner Fall wirkte sich auch auf die Schweiz aus: 2012 weigerte sich das Zürcher Kinderspital während drei Wochen vorübergehend, religiös motivierte Beschneidungen durchzuführen. Das Moratorium wurde schliesslich aufgehoben, weil die Oberstaatsanwaltschaft Zürich erklärte, es sei unwahrscheinlich, dass es in der Schweiz zu einer Anklage gegen einen ausführenden Arzt komme. Im Juni 2017 hat Pro Kinderrechte Schweiz allerdings eine Aufsichtsrechtliche Anzeige gegen die am Inselspital Bern durchgeführten Vorhautamputationen an gesunden Kindern eingereicht.

    Denn so klar ist die Rechtslage nicht: Seit Juli 2012 ist in der Schweiz durch den Artikel 124 StGB die Verstümmelung oder die erhebliche und dauerhafte Beeinträchtigung der Genitalien der weiblichen Person strafbar. In Bezug auf die männliche Beschneidung folgten die Parlamentarier und Parlamentarierinnen im Gesetzgebungsprozess der Argumentation ihrer Rechtskommission, die festhielt, dass sie die Beschneidung der männlichen Genitalien «grundsätzlich nicht als problematisch» ansehe. Im Im Juni 2017 hat der Nationalrat Bernhard Guhl (BD/AG) eine Interpellation mit dem Titel «Knabenbeschneidung vs. Recht auf einen unversehrten Körper» eingereicht. In seiner Antwort vom 23.08.2017 hält der Bundesrat fest, «dass aufgrund der verfügbaren medizinischen Evidenz kein Anlass besteht, in befürwortendem oder ablehnendem Sinne zu Knabenbeschneidungen Stellung zu nehmen». Ist ein Kind noch nicht urteilsfähig und dient ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit dem Kindeswohl, sei es grundsätzlich das Recht der Eltern, einen solchen Eingriff zuzulassen. Der Bundesrat sehe zurzeit keinen Anlass, zusätzliche Massnahmen gegen Knabenbeschneidungen zu ergreifen.

    Eine Studie des Schweizerischen Kompetenzzentrums für Menschenrechte (SKMR) aus dem Jahr 2013 zeigte zudem auf, dass in Bezug auf die rituelle (religiöse) Beschneidung von Knaben im Kleinkindalter eine juristische Grauzone existiert. Sie schlussfolgert jedoch, dass die Beschneidung dem Kind keine massgeblichen Schäden zufüge. Es könnten keine psychischen oder physischen Langzeitkonsequenzen nachgewiesen werden, so das SKMR.

    Marianne Schwander, Professorin für Recht an der Berner Fachhochschule, hat sich ebenfalls mit der Knabenbeschneidung in der Schweiz aus rechtlicher Sicht befasst. Sie kommt zum Schluss, dass die Beschneidung von einwilligungsunfähigen Knaben, die ohne medizinische Notwendigkeit vorgenommen wird, unzulässig ist. Sie argumentiert, dass gemäss der Kinderrechtskonvention Kinder eigenständige Rechtssubjekte sind und nicht in erster Linie Mitglied einer Familie. Bei einer Güterabwägung zwischen den Rechten der Eltern und den Kindern, muss darauf geachtet werden, dass möglichst wenig in die körperliche Integrität des Kindes eingegriffen wird. Denn Minderjährige haben ein Recht auf Schutz ihrer körperlichen und geistigen Unversehrtheit. Eine Beschneidung aus religiösen Gründen sei medizinische nicht notwendig, ohne zeitliche Dringlichkeit und irreversibel. Deshalb könne nur ein urteilsfähiger Knabe in eine Beschneidung aus religiösen Gründen einwilligen.

    Position von Pro Kinderrechte Schweiz

    Die Beurteilung des SKMR wird zudem von der Organisation Pro Kinderrechte stark kritisiert. Sie erinnert mit ihrer Kampagne «mein Körper gehört mir» daran, dass es sich um eine invasive Operation handelt, die das Geschlechtsorgan unwiderruflich verändere, wenn nicht sogar beschädige. Zudem verursache der Eingriff starke Schmerzen. Die Organisation beruft sich auf wissenschaftliche Studien, die zeigen, welche sexuellen, psychischen und urologischen Folgen eine Beschneidung hat. Sie arbeitet auch mit Zeugnissen von Männern, die erklären, dass sie noch heute unter der Beschneidung leiden.

    Pro Kinderrechte schätzt, dass an etwa 10 bis 15 Prozent aller Knaben in der Schweiz eine Beschneidung durchgeführt wird, sei dies im medizinischen Kontext oder als traditionelles Ritual. In Zahlen entspricht dies 4‘000 bis 6‘000 Knaben pro Jahr. Damit gehöre die Beschneidung zu den häufigsten chirurgischen Eingriffen bei Kleinkindern. Nur ein sehr kleiner Teil sei dabei auf eine Vorhautverengung zurückzuführen. Nach Ansicht von Pro Kinderrechte besteht die dringende Notwendigkeit, sich mit dem Thema auf nationaler Ebene auseinanderzusetzen. Sie fordert deshalb, dass sich der Bund mit dem Thema eingehender befasst und ist zu diesem Zweck unter anderem an die Eidg. Kommssion für sexuelle Gesundheit (EKSG) gelangt. Doch weigert sich die Kommission bisher, das Anliegen zu verfolgen.

    Kommentar humanrights.ch

    Unbestritten steht die Knabenbeschneidung in einem gewissen Spannungsverhältnis zu den Rechten des Kindes, wie sie auf internationaler Ebene verbrieft sind. In vielen Ländern der Welt, insbesondere den USA und Europa, aber auch in afrikanischen Ländern und jüngst sogar in Israel, wird eine Debatte um die Genitalbeschneidung von Knaben geführt. Die Organisation Pro Kinderrechte hat die Diskussion nun auch in der Schweiz ins Rollen gebracht.  Zuvor hatten Politik und Medien das Thema weitgehend ignoriert, obwohl sich die Gelegenheit für eine Auseinandersetzung mit dem Verbot der weiblichen Genitalverstümmelung geboten hätte.

    Die Frage der strafrechtlichen Relevanz lässt sich für die Ärzteschaft und die Gerichte ausschliesslich auf den Einzelfall bezogen entscheiden, dies unter Berücksichtigung der Risiken und Folgen des Eingriffs auf das körperliche Empfinden und die Psyche sowie des medizinischen Nutzens. Die ersten beiden Aspekte sind von Nichtbetroffenen offensichtlich nur sehr schwierig zu beurteilen. Weitere Forschungen, um die bestehenden Wissenslücken zu füllen, wären daher zu begrüssen.

    Wünschenswert wäre etwa auch, dass sich die Akademie der medizinischen Wissenschaften (SAMW) zur Problematik äussert. Gleichzeitig ist die Debatte nicht zuletzt wegen gegensätzlicher Expertenmeinungen schwierig. Zurückhaltung ist vor allem angebracht, solange die Beschneidung vor allem unter dem Blickwinkel der Religion in Frage gestellt wird und gleichzeitig Beschneidungen aus rein hygienischen, gesundheitlichen, ästhetischen oder andern Motiven nicht zur Diskussion stehen.

    Aus menschenrechtlicher Sicht ist zum jetzigen Zeitpunkt Prävention und Aufklärung durch staatliche Institutionen und Ärzte/-innen angezeigt, weil Risiken für das Wohl des Kindes bestehen. Jenseits von religiösen Dogmen wäre es zu begrüssen, wenn über weitere Massnahmen und Alternativen zum Wohle des Kindes gesprochen wird. Nicht zuletzt liessen sich dadurch innerhalb der jüdischen und islamischen Gemeinschaften diejenigen Positionen stärken, welche sich für alternative Lösungen, wie etwa eine symbolische Beschneidung oder die Aufschiebung des Eingriffes, einsetzen.

    Medienberichte

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