Update: 08.08.2017

Ein Projekt zur Änderung der Mentalität gegenüber erzieherischer Gewalt

In der Schweiz war es den Eltern bis 1978 per Gesetz explizit erlaubt, ihre Kinder körperlich zu züchtigen. Ein Verbot von Körperstrafen im Rahmen der Familie existiert bis heute nicht. Lediglich im Schulwesen ist erzieherische Gewalt verboten. Die Zivilgesellschaft und gewisse internationale Organisationen warten weiterhin vergeblich auf eine Ausweitung dieses Verbotes in den privaten Bereich (Lesen Sie hierzu unseren Artikel).

In der Zwischenzeit haben gewisse Organisationen Sensibilisierungskampagnen ins Leben gerufen, welche aufzeigen, dass Schläge, Ohrfeigen und verbale Gewalt zu einer Spirale der Gewalt führen und das Kindswohl negativ beeinflussen. Das Projekt der NCBI Schweiz mit dem Titel «Keine Daheimnisse», welches bereits seit 2013 existiert, ist eine dieser Kampagnen.

Prävention dank dem Projekt «Keine Daheimnisse»

Der Verein NBCI wurde 1995 gegründet. Sein Ziel ist die Bewältigung von Konflikten und der Kampf gegen Vorurteile. Das Projekt «Keine Daheimnisse» wurde zuerst in der Deutschschweiz lanciert (2013) und danach auf die französische Schweiz ausgeweitet (2015). Es bezieht sich auf den Art. 42 des Übereinkommens über die Rechte des Kindes. Dieser Artikel verpflichtet Vertragsstaaten dazu, «die Grundsätze und Bestimmungen dieses Übereinkommens durch geeignete und wirksame Massnahmen bei Erwachsenen und auch bei Kindern allgemein bekannt zu machen».

Das Team des NCBI verfügt über ein Sensibilisierungs- und Präventionsprogramm für Schulklassen sowie über Informationen zu Gewalt in der Erziehung. Das Projekt «Keine Daheimnisse» richtet sich an Schüler und Schülerinnen über 10 Jahre. Das Projekt möchte den Schülern und Schülerinnen fundierte Kenntnisse über die Problematik von körperlichen Züchtigungen vermitteln. Den Kindern soll geholfen werden, das Problem zu verstehen und Handlungsmöglichkeiten zu erkennen.

Ateliers und weitere Instrumente

Hauptelement des Projektes sind Sensibilisierungs-Ateliers in den Schulklassen. Anhand von Spielen und Erzählungen wird den Kindern übermittelt, wie sie körperliche Gewalt erkennen und was ihre Rechte diesbezüglich sind. In einem weiteren Schritt wird den Kindern der Auftrag erteilt, ein Interview über das Thema zu führen. Diese Interviews werden meist mit Verwandten oder Bekannten durchgeführt. Die Erkenntnisse des Workshops und der Interviews fliessen anschliessend in selbstgemachte Flyers und andere Kommunikationsmittel ein. Damit die Resultate der Workshops möglichst viele Personen erreichen und auch die Eltern miteinbezogen werden können, endet die Sensibilisierungsarbeit mit einem lokalen Anlass. Dieser kann je nach Grösse der Gruppe ganz unterschiedliche Formen annehmen. Ziel des Anlasses ist es aber jeweils, dass über Körperstrafen und Hilfe für Betroffene informiert wird und dass die Kinder massgeblich beteiligt sind.

Der Multiplikator-Effekte

Ziel des Projektes ist es, Multiplikator-Effekte auszulösen, die eine Diskussion anregen und Änderungen herbeiführen, die über die ursprünglichen Zielgruppen hinausgehen. Kinder und Jugendliche sollen durch das Projekt dazu befähigt werden, sich selbst und anderen, die Opfer von Körperstrafen wurden, zu helfen. Sie sollen auch in ihrem Umfeld über das Thema sprechen und dadurch einen Schneeballeffekt auslösen, der zu einer Veränderung der Mentalität führt.

Gemäss NCBI ist das Projekt «Keine Daheimnisse» umso wichtiger, als in Bezug auf Opfer von Körperstrafen eine Gesetzeslücke existiert. Kinder sind unter der Vormundschaft ihrer Eltern und haben deshalb nur eingeschränkte Möglichkeiten, um gegen solche Strafen vorzugehen. Für Kinder sei es, gemäss NCBI deshalb entscheidend, dass sie die nötigen Hilfsmittel haben, um zu wissen, dass Körperstrafen weder normal noch bedeutungslos sind und dass sie sich in solchen Situationen unterstützt fühlen.

Dokumentation:

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