Update: 19.12.2016

Zur Stellung von Frau und Mann im islamischen Recht

Das Familienrecht in islamischen Ländern stützt sich grundsätzlich auf drei Rechtsquellen; das positive Recht, das klassisch-islamische Recht und das Gewohnheitsrecht (urf). Ähnlich anderen Rechtsbereichen wie das Strafrecht wurde das Familienrecht zwar im 20. Jahrhundert als positives Recht kodifiziert, enthält aber inhaltlich so viele Verweise auf das klassisch-islamische Recht wie kein anderer Rechtsbereich, da es während der Kolonialisierung und in den postkolonialen muslimischen Gesellschaften weitgehend unangetastet geblieben ist. In den meisten Ländern verweist die Verfassung direkt zu Beginn darauf, dass bei nicht geregelten Fragestellungen im positiven Recht auf die Regelungen des klassisch-islamischen Rechts zurückgegriffen werden muss.

Politischer Kontext des Familienrechts

In den islamischen Ländern beinhaltet das Familienrecht heute zahlreiche die Frauen diskriminierende Bestimmungen, da das Familienrecht auf einem hierarchischen Rollenverständnis von Mann und Frau basiert. Zwar wurden im 20. Jahrhundert in diversen muslimischen Ländern verschiedene Reformversuche unternommen. Doch diese wurden von konservativen Kräften oft als Angriff auf das islamische Recht und seine Werte zurückgewiesen, und so bleibt das Familienrecht bis heute Gegenstand kontroverser Debatten um kulturelle und religiöse Identität. Die Re-Islamisierung in einigen islamischen Staaten ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erschwerte eine Reform des Familienrechts und somit auch die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau zusätzlich.

Heirat und Ehe

Die Ehe im Islam ist ein Vertrag zwischen Mann und Frau. Eine Einwilligung von beiden Seiten ist grundsätzlich erforderlich.

Arrangierte Ehen sind gerade im urbanen Umfeld zwar seltener geworden, werden in ländlichen Gebieten jedoch noch oft praktiziert. Dies kann mit der Einwilligung beider Eheleute geschehen oder unter Umständen erzwungen sein (Zwangsehe).

Vormund

Bei der Eheschliessung wird der Frau mancherorts ein männlicher Vormund (wali, meistens der Vater) zur Seite gestellt, der seine Zustimmung zur Heirat geben muss. Kommt es zu einem Konflikt zwischen Vormund und Braut, kann nur ein Richter entgegen dem Entscheid des Vormunds die Erlaubnis zur Ehe geben.

Mindestalter

Die Heiratsfähigkeit wird im klassisch-islamischen Recht mit der Pubertät erreicht. Allerdings gibt es je nach Rechtsschule verschiedene Ansichten darüber, wann dieses Alter erreicht ist. Das positive Recht kann ein höheres Alter vorsehen. Die Altersschranken vor allem für Mädchen bleiben in vielen islamischen Staaten jedoch tief (vgl. Kinderrechte im islamischen Recht). Auch wenn das positive Recht ein höheres Heiratsalter vorsieht, bleibt eine Ehe, die bereits zuvor nach islamischem Recht geschlossen wurde, oftmals gültig. Somit bleiben Kinderehen weiterhin möglich.

Heirat nach Vergewaltigung

Hoch problematisch sind Regelungen aus dem Strafrecht, die zum Beispiel einem Sexualstraftäter in vielen islamischen Ländern nach einer Vergewaltigung Straffreiheit zusprechen, wenn er sein Opfer nach der Tat heiratet. Damit soll die Ehre der Frau für die Familie gerettet werden, wobei die tatsächliche Einwilligung der Frau oder der Minderjährigen fragwürdig bleibt.

Polygamie

Ein Mann hat nach dem Koran das Recht, vier Frauen zu heiraten, wenn er fähig ist, sie gleich zu behandeln. Im Zuge der Reformierungsbemühungen haben gewisse Staaten wie zum Beispiel Ägypten (2000) und Marokko (2004) Einschränkungen im Familienrecht eingefügt, die zum Beispiel die Einwilligung der ersten Frau verlangen. Ausserdem muss gerichtlich überprüft werden, ob ein Mann die ökonomischen Voraussetzungen erfüllt, um eine polygame Ehe einzugehen. Fraglich bleibt dabei oftmals, ob bei der Einwilligung der ersten Ehefrau eine tatsächliche Wahlmöglichkeit im Hinblick auf die Konsequenzen besteht. In der Türkei und in Tunesien ist die Polygamie gesetzlich verboten.

Ehe auf Zeit

Eine Besonderheit im Schiitentum ist die Ehe auf Zeit. Im Iran ist die Ehe auf Zeit gesetzlich erlaubt, und der Mann hat das Recht, eine unlimitierte Anzahl von Zeitehen einzugehen. Die Frau, die eine Zeitehe eingeht, ist dabei rechtlich schlechter gestellt als eine Frau, die ein unbefristetes Eheverhältnis eingeht; der Ehemann ist nicht verpflichtet, der Frau Unterhalt und Wohnung zu gewähren. Da der Ehevertrag auf Zeit keinerlei Zeugen bedingt und auch nicht von einem Richter geschlossen werden muss, könnte die Ehefrau in Beweisschwierigkeiten geraten, falls die Ehe seitens des Mannes bestritten wird. Prostituierte in schiitischen Gebieten arbeiten unter dem Deckmantel der Zeitehe und befinden sich dabei in einer besonders verwundbaren Position, da Prostitution illegal ist.

Brautgabe

Die Brautgabe, arabisch mahr, ist ein wesentliches Element des Ehevertrages und muss – zumindest in der Theorie – an die Frau selber bezahlt werden (und nicht etwa an den Vater bzw. den Vormund).  Es gibt verschiedene Ansichten darüber, welche Funktion die Brautgabe hat. Die Brautgabe kann die finanzielle Unabhängigkeit der Ehefrau nach der Scheidung sicherstellen. Sie kann als «Konventionalstrafe» im Falle einer Scheidung dienen, damit der Ehemann sein Recht auf Scheidung nicht willkürlich ausübt. Die Brautgabe wird von Kritikern auch als eine antiquierte Tradition betrachtet, welche die Frau zum Objekt degradiert.

Rollenverständnis und Züchtigungsrecht

Im islamischen Recht ist das Verhältnis von Ehemann und Ehefrau geprägt von gegenseitigen Rechten und Pflichten. Die primäre Pflicht des Ehemanns besteht darin, für den Unterhalt der Ehefrau zu sorgen. Auch wenn die Frau über Vermögen verfügt, ist sie nicht verpflichtet, dieses dem Haushalt beizusteuern.

Die umstrittene und viel diskutierte Sure 4:34 des Korans sieht ein Züchtigungsrecht des Ehemannes vor, das er kraft seiner Autorität gegenüber seiner Ehefrau im Falle von Ungehorssam habe. Entsprechend hat die Ehefrau dem Ehemann gegenüber die Pflicht zum Gehorsam. Dies beinhaltet die Führung des Haushalts, die Kindererziehung, aber auch das Ersuchen um Erlaubnis, falls sie arbeiten oder reisen möchte. Falls der Ehemann seinen Pflichten zum Unterhalt nicht nachkommt, kann die Frau ihm ihren Gehorsam verweigern. Dies gilt auch umgekehrt: Kommt die Frau ihren Pflichten nicht nach, ist der Ehemann nicht verpflichtet, für ihren Unterhalt zu sorgen.

Unterschiedliche Religionsangehörigkeit

Dem muslimischen Mann ist es nach klassisch-islamischem Recht erlaubt, eine Christin oder eine Jüdin zu heiraten. Dies gilt aber nicht umgekehrt: Eine andere Religionsangehörigkeit des Ehepartners ist für die muslimische Frau ein Ehehinderungsgrund. Im Ausland geschlossene zivile Ehen zwischen einer muslimischen Frau und einem nicht-muslimischen Mann werden im Heimatland meist nicht anerkannt.

Scheidung

Das klassisch-islamische Recht kennt die Scheidung – wobei diese den Ehepartnern aber nicht gleichermassen zusteht. Der Ehemann kann eine Scheidung teilweise allein durch dreimaliges Aussprechen der Scheidungsformel und vielfach ohne gerichtliche Bewilligung erklären; eine Frau darf sich dagegen nur in bestimmten Situationen – etwa wenn der Mann unfruchtbar ist oder wenn der Mann ihr das Recht auf Scheidung «delegiert» hat – und nur mit Bestätigung eines Gerichts scheiden lassen.

Die Frau hat darüber hinaus die Möglichkeit, von ihrem Ehemann die khul-Scheidung zu verlangen. Dabei muss der Ehemann sein Einverständnis zur Scheidung geben. Vielfach geschieht dies, wenn die Frau auf ihre Brautgabe verzichtet oder sie zurückgibt. Dies erschwert der Frau, sich scheiden zu lassen, da es im islamischen Recht keinen nachehelichen Unterhalt gibt.

In einigen Ländern wird durch Reformbemühungen versucht, die Stellung der Frau zu verbessern, auch wenn die rechtlichen Reformen oft keinen grossen Einfluss auf die Praxis in ländlichen Gebieten haben. So wurde zum Beispiel in gewissen Ländern die Verstossungsformel des Mannes abgeschafft und eine Unterhaltspflicht eingeführt, sowie rechtlich verhindert, dass die Frau nach einer Verstossung aus dem ehelichen Haus verbannt wird.

In allen islamischen Ländern bleibt eine Ungleichbehandlung der Frau bestehen. Dies betrifft neben dem Scheidungsrecht auch das Sorgerecht für die Kinder.

Ausweg Ehevertrag?

Eine zentrale Rolle bei der Abmilderung von Benachteiligungen der Frauen im Ehe- und Scheidungsrecht spielen oftmals Eheverträge, in welchen der Frau etwa das Recht zu reisen eingeräumt wird oder Bestimmungen betreffend Polygamie festgehalten sind. Wird der Vertrag durch den Ehepartner verletzt, erhält die Frau im Gegenzug meist ein Anrecht auf Scheidung. Die Rechtsstellung der Frau ist damit zwar wohl faktisch etwas verbessert, an einer effektiven Gleichberechtigung mangelt es aber offensichtlich weiterhin.

Islamisches Erbrecht

Weitere Ungleichheiten bestehen im Erbrecht für nahe weibliche Verwandte wie die Ehefrau, die Mutter, die Tochter und die Schwester. Da in einer muslimischen Familie den Männern alle Pflichten finanzieller Natur zukommen, wird damit eine Benachteiligung der weiblichen gegenüber den männlichen Erbberechtigten begründet. Ein Beispiel für diese Diskriminierung zeigt sich in der Berechnung der Erbteile zwischen Geschwistern: Eine Schwester erbt die Hälfte des Erbteils des Bruders.

Weitere Benachteiligungen

Je nach Land bestehen für Frauen Bekleidungsvorschriften oder gar Vorschriften zur Geschlechtersegregation etwa im Bildungsbereich. Teilweise werden Frauen vom öffentlichen Leben bzw. von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen. In Gerichtsverfahren, so etwa bei Zeugenaussagen oder der Bemessung einer Kompensationszahlung, hat eine Frau eine deutlich geringere Position als ein Mann. Oft wiegt ihre Aussage nur halb so viel wie die des Mannes.

Vorbehalte gegenüber der UNO-Frauenrechtskonvention

Das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW) ist von fast allen Staaten weltweit ratifiziert worden. Die meisten islamischen Länder haben jedoch zahlreiche Vorbehalte angebracht bzw. den Vorrang des islamischen Rechts reklamiert, so etwa das Königreich Saudi Arabien wörtlich: «In case of contradiction between any term of the Convention and the norms of islamic law, the Kingdom is not under obligation to observe the contradictory terms of the Convention.» Auch wenn die Zulässigkeit solch genereller Vorbehalte höchst umstritten ist, zeigt sich damit klar der Unwille vieler muslimischen Staaten, den Frauen Rechte einzuräumen, die über das islamische Recht hinausgehen.

Islamischer Feminismus

Seit den 1980er Jahren hat sich neben der schon existierenden säkularen feministischen Bewegung in verschiedenen islamischen Ländern eine islamische Frauenrechtsbewegung entwickelt, die versucht, durch Neuinterpretation der religiösen Quellen für eine Gleichstellung von Mann und Frau im Islam zu argumentieren. Eine andere Argumentationsstrategie greift auf ein «goldenes Zeitalter» im Islam zurück und möchte damit frauenfeindliche Interpretationen und Praktiken als unislamisch darstellen.

Die Hauptthemen der islamischen Feministinnen beziehen sich auf das Recht (rechtliche Fragen wie die Gleichstellung der Ehepartner, Zwangsehe, Kinderehe, Scheidung bzw. Verstossung, die männliche Vormundschaft einer Frau und das Sorgerecht), sowie auf Kleidervorschriften der Frau (Kopftuch hijab bzw. Gesichtsschleier niqab), auf Fragen zur Sexualität der Frau und insbesondere sexuellen Gehorsam, Gewalt gegen Frauen (Züchtigungsrecht) sowie die Einbindung von Frauen in religiösen Berufen und in der Moschee (Frau als Vorbeterin, etc.).

Der islamische Feminismus stösst wie der säkulare Feminismus in der islamischen Welt zwar manchmal auf Zustimmung, aber auch vielfach auf Ablehnung. Gerade muslimische Traditionalisten und islamische Fundamentalisten (politischer Islam) lehnen die Neuinterpretation der religiösen Quellen ab. Unter Umständen werden Vorwürfe wie Verwestlichung und Häresie gegen islamische Feministinnen angeführt.

Betroffene Menschenrechte

Weiterführende Informationen

Organisationen für die Rechte von muslimischen Frauen

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