Update: 25.11.2016

Unmenschliche Arbeitsbedingungen bei Foxconn bleiben bestehen

Psychische Schikanen, unbezahlte Überstunden, militärische Überwachung und Löhne, die nicht zum Überleben reichen – die Arbeitsbedingungen beim chinesischen Elektronikzulieferer Foxconn bleiben auch nach mehreren Suiziden unter den Angestellten unmenschlich, wie eine neue Studie zeigt. Schuld daran sind nicht zuletzt die grossen Elektronikfirmen, die ihre Laptops, Mobiltelefone und iPhones mit grossem Profit verkaufen wollen.

Die Studie der Organisation Students and Scolars Against Corporate Misbehaviour (Sacom) fördert die militärischen und demütigenden Arbeitsbedingungen in der Firma Foxconn zutage, nachdem das Unternehmen in der ersten Hälfte dieses Jahres von einer Selbstmordserie chinesischer Angestellter erschüttert wurde. Soziale Isolierung, drakonische Strafen und schier unmenschliche Arbeitslasten bei einer Entlöhnung, welche die Lebenskosten nicht zu decken vermag, konstatiert die chinesische NGO in ihrem Bericht über den grössten Elektronikzulieferer der Welt mit 900'000 Angestellten allein in China. In krassem Gegensatz dazu steht der Gewinn, den Foxconn verzeichnen kann, obwohl die Profitmargen in der Elektronikindustrie in den letzten Jahren zurückgegangen sind. Offensichtlich wird hier der Druck auf die vom Markt diktierten Preise einseitig zu Lasten des schwächsten Glieds in der Produktionskette weitergegeben. Die Firmenverantwortlichen bei Apple, Nokia, Dell, Hewlett Packard, Sony, Motorola und Sony Ericsson (die alle bei Foxconn Elektronikteile einkaufen) nehmen für tiefe Produktionskosten in Kauf, dass der Zulieferer die Löhne der Arbeiter/innen mit allen Mitteln tief hält. Durchsetzbar ist dies, wie dem Sacom-Bericht zu entnehmen ist, nur mit rigorosen Managementmethoden, die an Sklaverei erinnern.

Psychischer Druck und Misshandlungen treiben Angestellte in den Suizid

Sacom, eine Partnerorganisation von «Brot für alle» und «Fastenopfer», führte zwischen Mai und September 2010 Interviews mit über 100 Foxconn-Arbeitern/-innen aus den Betrieben in Hangzhou und Shenzhen. Die Aussagen dieser Angestellten zeigen auf, dass die Versprechen des Foxconn-Managements sich trotz internationaler medialer Aufmerksamkeit bisher als leer entpuppten: Die Erhöhung des Grundlohnes und die Massnahmen zur Reduktion von Überzeit waren eine Alibiübung; strenge Überwachung und demütigende Bestrafungen bleiben bestehen. Trotz der 13 Selbsttötungen und vier Suizidversuche zwischen Januar und August 2010 hat sich die Situation der Angestellten bei Foxconn also kaum verändert. Am 5. November 2010 starb in Guanlan gar ein weiterer Arbeiter, nachdem er vom Dach seines Wohnheims gesprungen war, weil ihm eine Lohnerhöhung verwehrt wurde.

In Übereinstimmung mit der Sacom-Studie kommt Chantal Peyer, Verantwortliche für die Kampagne für faire Computer «High Tech – No Rights», zum Schluss, dass die miserablen Arbeitsbedingungen bei Foxconn und die soziale Isolation die 18 jungen Arbeiter/-innen in den Suizid getrieben haben. Doch Foxconn zeigt sich wenig einsichtig: Am 11. Oktober 2010, ein Tag vor der Veröffentlichung der Studie, hatte die Firma noch verlauten lassen, die Anschuldigungen in den Medien seien unbegründet und man weise jegliche Berichte über illegale Arbeitsbedingungen und Misshandlungen von Arbeitern zurück. Kurz nach den Suizidfällen hatte Foxconn zudem einen Standortwechsel angekündigt und bereits im Oktober 2010 mit dem Umzug von Fabrikanlagen begonnen. Um noch mehr Kosten zu sparen, werden nun in den nächsten fünf Jahren über 100'000 Arbeiter/innen in nördliche und zentrale Gebiete Chinas versetzt, wo die Löhne noch tiefer sind als in den Küstenregionen.

Elektronikfirmen stehen in der Verantwortung

Die Arbeitsbedingungen bei Foxconn sind gemäss Chantal Peyer jedoch längst kein Einzelfall: Verletzungen der Arbeiterrechte seien in der Computerindustrie auch ausserhalb Chinas weit verbreitet. In der Verantwortung für die inhumane Behandlung der Angestellten sieht Peyer deshalb nicht nur Zuliefererfirmen wie Foxconn, sondern auch die grossen Abnehmerfirmen Apple, Nokia, Dell, Hewlett Packard, Sony, Motorola und Sony Ericsson. Vor allem sie sind es, die hohe Gewinne auf dem Buckel der chinesischen Arbeiter/-innen erzielen. Firmen wie Apple streichen Profitmargen von bis zu 40% ein, verlangen aber gleichzeitig von ihren Zulieferern, die Produktionskosten weiter zu senken. Dadurch sind die Zulieferer gezwungen, die Löhne ihrer Angestellten stets tief zu halten, um konkurrenzfähig zu bleiben. Auf diese Weise steigert die Elektronikindustrie Produktivität und Profit auf Kosten der Arbeiter/-innen, die sie quasi zu menschlichen Maschinen degradiert. Deshalb stünden auch Apple und Co. in der Pflicht, einen Bruchteil ihrer Gewinnmargen für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen, meint Peyer: Wenigstens müssten die grossen Elektronikfirmen den Arbeitern/-innen ihrer Zulieferer Löhne zusichern, die ihnen zum Überleben reichen.

Was Konsumenten/-innen tun können

Hier setzen die Organisationen «Brot für alle» und «Fastenopfer» an und weisen mit ihrer Kampagne «High Tech – No Rights» auf die Misstände in der Computerindustrie hin. Die Kampagne soll sowohl die grossen Elektronikfirmen wie auch die Konsumenten für die Thematik sensibilisieren. Seit 2007 untersuchen die Kampagnenverantwortlichen die grossen Computerfirmen (u. a. hinsichtlich Arbeitszeit, Entlöhnung, Disziplinarstrafen, Sicherheit, Gesundheit sowie interner Verhaltenskodizes) und informieren die Öffentlichkeit über Fortschritte und Defizite. Die Konsumenten/-innen in der Schweiz können sich so für verbesserte Arbeitsbedingungen in der Elektronikindustrie einsetzen, indem sie die Informationen der Kampagnenwebseite beim Kauf eines Computers oder eines Mobiltelefons beachten und Elektronikfirmen bevorzugen, die ihre soziale Verantwortung auch in asiatischen Produktionshallen wahrnehmen.

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