08.06.2026
Neue Publikation: Menschenrechtsnarrative – Der Kampf um die Deutungshoheit
Wer bestimmt, was Menschenrechte bedeuten? Eine neue Publikation zeigt, wie unterschiedliche Akteur*innen um die Deutungshoheit über Menschenrechte ringen und weshalb konkurrierende Menschenrechtsnarrative die Universalität der Menschenrechte zunehmend herausfordern.
Menschenrechte gelten als universelle Rechte, die allen Menschen zustehen. Doch was genau darunter verstanden wird, ist umstritten. Unterschiedliche Akteur*innen erzählen unterschiedliche Geschichten über die Menschenrechte – und verfolgen damit oft auch unterschiedliche politische oder rechtliche Ziele.
Wer bestimmt, was Menschenrechte bedeuten? Sind es die Gesetzgeber, die Grundrechte in Gesetzen konkretisieren? Die Gerichte, die über ihre Anwendung im Einzelfall entscheiden? Oder internationale Institutionen, die die Einhaltung von Menschenrechten überwachen? Auch Staaten und zivilgesellschaftliche Organisationen berufen sich auf Menschenrechte, allerdings oft mit unterschiedlichen Anliegen: Während Staaten sie zur Legitimation ihres Schutzauftrags und damit zur Rechtfertigung ihres Gewaltmonopols heranziehen, nutzen zivilgesellschaftliche Akteur*innen Menschenrechte als Instrument zur politischen Mobilisierung und strategischer Prozessführung.
Die vor kurzem erschienene Publikation «Menschenrechtsnarrative – Der Kampf um die Deutungshoheit» der Herausgeber Christoph Spenlé und Carl Jauslin, Vorstandsmitglied von humanrights.ch, zeigt, dass es heute nicht mehr die eine dominante Menschenrechtserzählung gibt. Stattdessen stehen verschiedene Menschenrechtsnarrative nebeneinander und konkurrieren miteinander. Diese Narrative beruhen auf unterschiedlichen Vorstellungen vom Menschen, vom Staat und von der internationalen Gemeinschaft. Entsprechend unterscheiden sie sich auch darin, wie Rechte und Pflichten verstanden werden. Menschenrechte werden etwa als eher liberal oder sozial, individualistisch oder kollektivistisch, minimalistisch oder umfassend interpretiert.
Die Menschenrechte werden damit nicht nur durch eine Realität herausgefordert, in der sie einen schweren Stand haben. Sie werden zunehmend auch als Ideal infrage gestellt. Die Idee, dass Menschenrechte allen Menschen überall auf der Welt in gleicher Weise zustehen, wird heute zwar kaum mehr bestritten. Auf nationaler wie internationaler Ebene lassen sich jedoch verstärkt Bestrebungen beobachten, Menschenrechte neu zu deuten oder zu relativieren.
Auf internationaler Ebene versuchen Staaten wie China oder Organisationen wie die Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC), die Entwicklung der internationalen Menschenrechte aktiv zu beeinflussen und alternative Menschenrechtsnarrative zu verbreiten. Auf nationaler Ebene fordern populistische Exponent*innen im Namen des «wahren Volkes» die Einschränkung von Minderheitenrechten und stellen die Menschenrechte als «Rechte der Anderen» dar.
Die Publikation untersucht diese miteinander konkurrierenden Menschenrechtsnarrative. Sie analysiert deren Hintergründe und diskutiert in verschiedenen Beiträgen die Herausforderungen, die sich daraus für die Universalität der Menschenrechte ergeben.
Die Publikation ist als Spezialausgabe in den Basel Papers on Europe in a Global Perspective (Nr. 127) des Europainstituts der Universität Basel erschienen und kann auf ihrer Website sowie auf der Publikationsplattform Eterna heruntergeladen werden.