Von Fasel Félicia, Gashi Hilmi & Still Nivalda (Rassismusbericht 2025)
Dieser Beitrag basiert auf einer partizipativen Umfrage unter mehr als 1100 Auszubil-
denden und analysiert die Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung während der
Berufslehre in der Schweiz. Er verdeutlicht, dass junge Menschen in Ausbildung diesen
Phänomenen besonders stark ausgesetzt sind, dokumentiert den Zusammenhang zwi-
schen Diskriminierung, Stress und Erschöpfung und hinterfragt die institutionellen Gren-
zen bei der Anerkennung und Bewältigung von Rassismus. Abschliessend hebt der Artikel
bestimmte gewerkschaftliche und institutionelle Handlungsansätze hervor, die notwendig
sind, um den Schutz von Lernenden und Arbeitnehmenden zu stärken.
Die Lebensrealitäten von Lernenden in ihrer Berufsbildung
Im Jahr 2024 veröffentlichte die Gewerkschaft Unia eine partizipative Umfrage zu den
Ausbildungsbedingungen in Lehrbetrieben in der Schweiz, die von Fasel Félicia
im Rahmen ihrer Tätigkeit bei der Unia durchgeführt wurde. Für die Konzeption des
Fragebogens wurden Lernende sowie Arbeitnehmende, die erst kürzlich ihre Lehre
abgeschlossen hatten, miteinbezogen. Die Umfrage analysiert die Qualität der Berufs-
bildung aus der Sicht derer, die sie erleben. Gleichzeitig hinterfragt sie die vor-
herrschenden institutionellen Sichtweisen, welche die Qualität des dualen Systems oft
auf seine ökonomische Dimension reduzieren.
Die Umfrage zielt somit darauf ab, den zentralen Schlüsselfiguren der Berufsbildung
wieder eine Stimme zu geben: den Lernenden selbst.
Die Umfrage befasste sich mit Diskriminierungserfahrungen, insbesondere mit Situa-
tionen von Rassismus während der Ausbildung sowie deren Auswirkungen auf die Aus-
bildungsbedingungen und das Wohlbefinden der Jugendlichen. Durch die Kombination
einer quantitativen Analyse unter 1100 Auszubildenden mit einer qualitativen Fokus-
gruppe liefert die Umfrage eine sowohl quantifizierte als auch kontextbezogene Dar-
stellung der Realitäten, die während der Ausbildung erlebt werden.
Dieser Ansatz ist Teil einer gewerkschaftlichen und politischen Strategie, die darauf
abzielt, das Wissen über die tatsächlichen Ausbildungsbedingungen zu verbessern und
die zuständigen Behörden aufzufordern, den Schutz der Lernenden vor Diskriminie-
rung und Rassismus zu verbessern.
Erlebter Rassismus in der Ausbildung: Eine ausgeprägte Belastung
Gemäss der Umfrageergebnisse geben 35 % der Auszubildenden an, während ihrer
Lehre mit Rassismus konfrontiert worden zu sein; 12 % berichten sogar von häufigen
Erfahrungen dieser Art (Unia, 2024). Zum Vergleich: In der Schweizer Gesamtbevölke-
rung geben laut offiziellen Indikatoren 17 % an, rassistische Diskriminierung erlebt zu
haben (EDI, 2025). Damit ist die Belastung durch Rassismus bei Auszubildenden deut-
lich höher als im Bevölkerungsdurchschnitt.
Diese Diskrepanz lässt sich durch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren erklären.
Auszubildende befinden sich aufgrund ihres jungen Alters, ihres Status als Auszubil-
dende sowie ihrer untergeordneten hierarchischen Position in einer besonders vulnera-
blen Lage. Dieser Umstand kann ihre Möglichkeiten, zu reagieren oder Misstände
anzuzeigen, einschränken. Zudem kann sie eine stärkere Fähigkeit der jüngeren Generationen widerspiegeln, rassistische Situationen zu identifizieren und zu benennen,
was auf eine gestiegene Sensibilisierung für Diskriminierung zurückzuführen ist.
Schliesslich stellt dies die institutionellen Rahmenbedingungen zur Anerkennung von
Rassismus infrage, deren teils restriktive Definitionen zu einer unzureichenden Berück-
sichtigung erlebter Diskriminierungen führen können.
In der Unia-Umfrage wird Rassismus anhand von Erfahrungen im beruflichen Alltag
erfasst: abwertende Bemerkungen, Ausgrenzung, Witze über die vermeintliche Her-
kunft oder Ungleichbehandlung aufgrund der Hautfarbe. Rassismus erweist sich somit
als ein zentraler Faktor für die Verschlechterung der Lebensqualität während der Aus-
bildung, der mit höherem beruflichem Stress und einer gesteigerten Erschöpfung aus-
serhalb der Arbeit verbunden ist (Unia, 2024).
Kumulative Diskriminierung und Vulnerabilitäten
Die Untersuchung zeigt zudem, dass Diskriminierungen nicht isoliert auftreten, son-
dern Teil kumulativer Dynamiken sind. Ein intersektionaler Ansatz verdeutlicht, dass
Rassismus mit anderen Formen von Diskriminierung und Gewalt zusammenwirkt, ins-
besondere im Zusammenhang mit dem Geschlecht sowie psychischer Gewalt. Dies
macht die betroffenen Lernenden besonders anfällig für chronischen Stress und Er-
schöpfung (Unia, 2024).
Zahlreiche Studien belegen, dass eine anhaltende Belastung durch Stress und Burnout
nachweislich Auswirkungen auf die Gesundheit hat: ein erhöhtes Risiko für Angststö-
rungen und Depressionen, Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie eine
Schwächung des Immunsystems (Weltgesundheitsorganisation, 2019; Siegrist & Wah-
rendorf, 2016). Diese Auswirkungen sind umso besorgniserregender, wenn sie junge
Menschen am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn betreffen.
Rassismus als strukturelles Phänomen verstehen
Die Ergebnisse der qualitativen Fokusgruppe zeigen, dass einige Auszubildende ein
systemisches Verständnis von Rassismus entwickeln, das über die blosse Beschreibung
individueller Handlungen oder explizit rassistischer Äusserungen hinausgeht. Ihre Be-
richte beleuchten Diskriminierungsmechanismen, die in berufliche Praktiken und Aus-
bildungsinhalte integriert sind.
Eine Auszubildende im Friseurhandwerk betont beispielsweise, dass die Ausbildung
keine Kenntnisse über die Pflege und das Schneiden von krausem Haar vermittelt, ob-
wohl dieses in der Schweiz weit verbreitet ist. Sie interpretiert diese Unsichtbarkeit der
Körper und Bedürfnisse bestimmter Bevölkerungsgruppen als eine Form von Rassis-
mus. Diese Art von Aussagen zeigt, dass Rassismus nicht nur als individuelle oder zwi-
schenmenschliche Erfahrung wahrgenommen wird, sondern auch als ein Phänomen,
das in Normen und Strukturen, insbesondere im beruflichen Umfeld, verankert ist.
Die Verknüpfung quantitativer und qualitativer Daten verdeutlicht somit einen gelebten,
kumulativen und strukturellen Rassismus in der Ausbildung, der zur sozialen und psy-
chischen Verletzlichkeit bestimmter Auszubildender beiträgt. Rassismus in der Aus-
bildung wird zunehmend zu einem ernst zu nehmenden Problem der öffentlichen Ge-
sundheit. Diese Feststellungen decken sich mit den Analysen in der
Tangram-Publikation der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus, die den
strukturellen Charakter von Diskriminierungen und die Verflechtung von Machtverhält-
nissen in der Arbeitswelt aus gewerkschaftlicher Sicht hervorheben (Saulnier Bloch &
Gashi, 2024).
Rassismus erkennen und melden: Bestehende Hindernisse
Der Mangel an Informationen darüber, wie Rassismus erkannt und gemeldet werden
kann, trägt dazu bei, dass diskriminierende Situationen, die Auszubildende erleben,
fortbestehen. Viele junge Menschen kennen weder ihre Rechte noch die einzuleitenden
Schritte, sei es in Bezug auf gewerkschaftliche Unterstützung oder bestehende institu-
tionelle Wege. Zudem wissen viele nicht, ob ihr Ausbildungsbetrieb bereits einmal vom
zuständigen kantonalen Amt für Berufsbildung kontrolliert wurde. Dies verdeutlicht ein
Informations- und Transparenzdefizit bei den Schutzmechanismen (Unia, 2024).
Die Praxiserfahrung zeigt zudem, dass rassistische Situationen selbst dann, wenn sie von Lernenden gemeldet werden, mitunter banalisiert oder heruntergespielt werden.
Ein Beispiel aus der Gewerkschaftsarbeit veranschaulicht diese Realität: Nachdem eine
Lernende mehrfach geäusserte Witze über ihre Herkunft angeprangert hatte, wurde ihr
entgegnet, es handle sich um ein «Generationenproblem». Die Situation wurde erst
nach hartnäckigem Beharren und der Unterstützung ihrer Eltern als rassistisch aner-
kannt, was schliesslich einen Wechsel des Lehrbetriebs ermöglichte. In solchen Fällen
kann die Anrufung einer auf Rassismus spezialisierten Beratungsstelle eine ergänzende
Unterstützung darstellen.
Ohne den Anspruch auf eine statistische Verallgemeinerung zu erheben, zeigen diese
Situationen die konkreten Auswirkungen mangelnder Kenntnisse über Rassismus auf
und unterstreichen die Notwendigkeit, die Schlüsselfiguren der Berufsbildung besser
darin zu schulen, Diskriminierungen zu erkennen und damit umzugehen.
Sensibilisierung, Instrumente und Forderungen
Um einen Beitrag zur Bekämpfung von Rassismus zu leisten, hat die Unia im Jahr 2025
einen Leitfaden gegen Rassismus veröffentlicht, der sich an Lernende und junge Men-
schen richtet, die direkt oder indirekt von Rassismus betroffen sind. Die in leicht ver-
ständlicher Sprache verfasste Broschüre erläutert die wichtigsten Begriffe zu Rassismus
und Diskriminierung, bietet konkrete Ratschläge für den Umgang mit erlebten Situa-
tionen und verweist auf bestehende rechtliche sowie institutionelle Ressourcen. Der
Leitfaden wird insbesondere während der Aktionswoche gegen Rassismus verbreitet
und kommt regelmässig in Berufsschulen sowie verschiedenen Institutionen als Sensi-
bilisierungsinstrument zum Einsatz.
Auf der Grundlage der Umfrageergebnisse formuliert die Unia mehrere Forderungen,
die darauf abzielen, den Schutz von Lernenden und Arbeitnehmenden zu stärken. Dazu
gehören eine verstärkte und obligatorische Schulung von Berufsbildenden und betrieb-
lichen Verantwortlichen zur Prävention von Diskriminierung, eine verstärkte Sensibili-
sierung in Berufsfachschulen und am Arbeitsplatz, verstärkte Kontrollen der Ausbil-
dungs- und Arbeitsbedingungen sowie ein besserer Zugang zu Rechtsschutz und
Begleitung der Opfer.
Diese Forderungen sind Teil eines umfassenden Ansatzes zur Bekämpfung von Rassis-
mus. Die Unia ruft zu konkreten Massnahmen gegen Diskriminierung auf, die insbe-
sondere auf der Hautfarbe, der wahrgenommenen Herkunft oder dem Aufenthaltsstatus
basiert. Sie setzt sich für Gleichberechtigung ein und vertritt eine Null-Toleranz-Politik
gegenüber Hassrede und Hassverbrechen, damit die Bekämpfung von Rassismus in der
gesamten Gesellschaft wirksam wird.