Update: 15.09.2015

Ehrverbrechen – Eine Einführung

Was sind Ehrverbrechen?

Als Verbrechen im Namen der Ehre bezeichnet man solche Verbrechen, die an Personen begangen werden, welche die Ehre ihrer Familie oder Gemeinschaft verletzt haben sollen. Zur Wiederherstellung der Ehre wird der betroffenen Person (in der Regel Frauen und Mädchen) zur Bestrafung Gewalt angetan. Die extremste Form von Verbrechen im Namen der Ehre sind die «Ehrenmorde».

Nach einer Studie der UNO-Weltbevölkerungsberichts werden jährlich weltweit rund 5000 Mädchen und Frauen Opfer von Ehrenmorden, wobei die Dunkelziffer wesentlich höher ist, da in manchen Ländern die wenigsten Fälle vor Gericht gebracht werden.

Allgemeiner spricht man auch von geschlechtsbezogenen Morden. Darunter werden solche Tötungen von Frauen und Mädchen gefasst, welche auf Geschlechterdiskriminierung beruhen. In diesem Sinne spricht man auch von «Femizid».

Täter und Opfer

Die Gewalt wird im Namen der Kultur oder Tradition ausgeübt und häufig von der Mehrheit der betroffenen Gemeinschaft unterstützt und gefördert. Bei den eigentlichen Tätern handelt es sich in 90 Prozent der Fälle um Familienangehörige, und meistens sind die Täter männliche Verwandte (Väter, Brüder, Cousins). Die Opfer sind mehrheitlich Frauen und Mädchen. Es können jedoch auch Männer, als Liebhaber der Frauen oder Homosexuelle, betroffen sein. Die Beschuldigten erhalten keine Möglichkeit, sich zu verteidigen und die Verdächtigungen klarzustellen. Sie werden prinzipiell als schuldig angesehen.

Patriarchalisches Moralsystem

Das Ethos der Ehre ist ein Kulturmuster, das noch vor der Ausbreitung der monotheistischen Religionen in allen Mittelmeerländern mehr oder weniger verbreitet war und sich später mit der christlichen bzw. der islamischen Religion verbunden hat. Das Moralsystem von Ehre und Schande gehört zur patrilinearen Grossfamilie. Die Ehre ist ein Gut, das unteilbar der männlich dominierten Verwandtschaftsgruppe zugeschrieben wird. Ehre kann nicht erworben, sondern nur verteidigt oder verloren werden. Alle Mitglieder eines Haushalts sind gemäss ihrer Rolle für die Erhaltung der Familienehre zuständig. Falls das Verhalten eines Individuums von der öffentlichen Meinung als ehrrührig taxiert wird, ist sofort die ganze Familiengruppe in den Ehrkonflikt involviert. Das Ethos der Ehre ist ein männliches Ethos: Die Ehre gehört der Männergruppe. Die Frauen der Männergruppe sind Gefahrenquellen für den Verlust der Männerehre. Die Gleichsetzung von Männerehre und weiblicher Keuschheit erlaubt es den Männern, die Frauen maximal zu kontrollieren und diese Herrschaft auch noch zu legitimieren.

Verhalten, das «die Ehre verletzt»

Welches Verhalten die Ehre verletzt, ist in jeder betroffenen Gesellschaft etwas anders definiert. Die Gründe für Ehrenmorde sind vielfältig: Eine Frau kann die Ehre der Familie verletzen,
- wenn sie sich weigert, den von der Familie ausgesuchten Mann zu heiraten,
- wenn sie sich von ihrem Mann, der sie vielleicht misshandelt, scheiden lassen will,
- wenn sie eine aussereheliche Beziehung zu einem Mann führt,
- wenn sie ausserehelich schwanger wird,
- wenn sie vergewaltigt wird,
- wenn sie Opfer von Inzest wird
etc.

    Weiterführende Informationen

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