Motarjemi vs. Nestlé

Yasmine Motarjemi kämpfte jahrelang alleine gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber, den Grosskonzern Nestlé. Nach einem zehnjährigen Prozess entschied das Bundesgericht im März 2020 zu ihren Gunsten.

Motarjemi hatte Nestlé wegen systematischen Mobbings angeklagt. Dahinter steckt aber mehr: die Managerin hatte zahlreiche Mängel in der Lebensmittelsicherheit des Konzerns aufgedeckt, die von Kadermitgliedern ignoriert worden waren.

Das Arbeitsverhältnis zwischen Nestlé und Motarjemi begann im Jahr 2000, als der Konzern die Expertin für Lebensmittelsicherheit bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) abwarb. Motarjemi stieg als «Global Food Safety Manager» bald weit nach oben in der Hierarchie der internen Lebensmittelkontrolle. In den ersten Jahren ihrer Anstellung wurde sie stets für ihre gute Arbeit gelobt.

2003 entdeckte Motarjemi schockiert, dass Babybiscuits von Nestlé nicht vom Markt genommen wurden, obwohl zahlreiche Reklamationen wegen Erstickungsgefahr vorlagen. Ihre Hinweise und Warnungen zu diesem und anderen Produkten wurden von Vorgesetzten aber nicht angehört. Motarjemi stellte dies in Zusammenhang mit einer neuen Regel des Unternehmens, die Boni für Manager an Produktrückrufe koppelte. Dadurch seien Manager wohl davon abgebracht worden, kontaminierte Produkte zurückzurufen und allenfalls auch angespornt worden, hartnäckige Mitarbeiter*innen zu schikanieren und zu entlassen, hält Motarjemi in einem Schreiben fest.

Genau dieses Schicksal erlitt sie nach ihrer Kritik: sie wurde von ihrem Vorgesetzen gemobbt und erniedrigt. Zu wichtigen Meetings lud er sie nicht mehr ein. Erfolglos forderte Motarjemi eine Überprüfung des Managements der Lebensmittelsicherheit. Stattdessen wurde eine fehlerhafte und voreingenommene Untersuchung des Mobbings durchgeführt, das sie vor über drei Jahren an Personalabteilung und Konzernleitung gemeldet hatte.

Im Juli 2010 wurde Motarjemi schliesslich fristlos und ohne Begründung entlassen. Seither ist sie psychisch stark angeschlagen und kann nicht mehr arbeiten. Trotzdem klagte sie Nestlé 2011 vor Gericht wegen Mobbing an. Die Rechtsabteilung des Grosskonzerns legte immer wieder Rekurs ein, wodurch der Prozess um Jahre verzögert wurde. Im Dezember 2015 mussten vier der obersten CEOs von Nestlé vor Gericht antraben, was international für Schlagzeilen sorgte.

Am 7. Januar 2020 hielt das Waadtländer Kantonsgericht in zweiter Instanz schliesslich fest, dass die Klägerin von ihren Vorgesetzten auf «hinterhältige Art und Weise» gemobbt worden sei. Nestlé rekurrierte auch gegen diesen Entscheid – verlor jedoch vor Bundesgericht. Das oberste Schweizer Gericht wies den Fall im März 2020 zur Berechnung der Entschädigungszahlungen wieder an das erstinstanzliche Gericht zurück.

Für ihren Mut, Missstände anzuprangern und gegen den mächtigen Nahrungsmittelkonzern Nestlé vorzugehen, war Yasmine Motarjemi für den Prix Courage des Beobachters nominiert.

NGOs und Zivilpersonen werfen Nestlé seit vielen Jahren eine gegenüber Menschen und Umwelt rücksichtslose und profitgierige Unternehmensstrategie vor. Zahlreiche Skandale um Lebensmittel sowie Nestlés Aneignungsstrategie natürlicher Ressourcen in Entwicklungsländern sorgen weltweit immer wieder für Schlagzeilen. Der Grosskonzern konnte aber in der Vergangenheit selten zur Verantwortung gezogen werden. Umso bemerkenswerter ist es, dass Yasmine Motarjemi dies jetzt und v.a. in der Schweiz mit diesem strategischen Prozess gelungen ist.

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Marianne Aeberhard
Leiterin Projekt Zugang zum Recht / Geschäftsleiterin

marianne.aeberhard@humanrights.ch
031 302 01 61
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