Update: 02.02.2010

Unbegleitete Minderjährige in der Schweiz: Wohin verschwinden sie?

Tausende Kinder und Jugendliche, die ohne Eltern nach Europa kommen, verschwinden jedes Jahr aus Aufnahmenzentren, ohne dass ein Suchverfahren eingeleitet wird. Auch in der Schweiz gehen Fachleute davon aus, dass ein Grossteil dieser jungen Menschen nach kurzer Zeit verschwindet. Offizielle Erhebungen dazu gibt es keine. Das Schicksal der «verloren gegangenen» Kinder scheint weder in der Schweiz noch in andern Staaten die Behörden zu interessieren. Sie sehen in ihnen in erster Linie Ausländer und begegnen ihnen mit Repressionsmassnahmen. Dies geht aus einer Studie hervor, für welche die Stiftung Terre des hommes (Tdh) während zweier Jahre in der Schweiz, Belgien, Frankreich und Spanien Interviews mit Personen durchgeführt hat, die mit unbegleiteten Minderjährigen arbeiten.

Wichtige Forderungen von Terre des hommes

Kinderschutz soll vor Migrationsabwehr Vorrang haben, fordert nun Tdh. Ein unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender (UMA) müsse in erster Linie in
Übereinstimmung mit den gesetzlichen Normen zum Kinderschutz behandelt werden - und nicht allein unter dem Blickwinkel der illegalen Einwanderung betrachtet werden. Im Vorwort der Studie hält Jean Zermatten, Vizepräsident des UNO-Ausschusses für die Rechte des Kindes, die dreifache Gefährdung der Betroffenen in ihrer Eigenschaft als Kinder, Ausländer und Unbegleitete fest. Er betont: «Sie haben ein Recht auf dieselbe Zuwendung und dieselben qualitätvollen Leistungen wie alle anderen platzierten Kinder. Wenn ein Kind aus einer Institution verschwindet, müssen ganz unabhängig von seinem Status und seinem Motiv sämtliche üblichen Verfahren eingeleitet werden: Dies liegt in der Verantwortung der Institution und des Staates.» Die Studie listet namentlich die Risiken auf, denen von ihren Familien getrennte Kinder ausgesetzt sind: gesundheitliche und psychische Verwahrlosung, Drogenhandel, Zwangskriminalität, Ausbeutung durch Arbeit, sexuelle Ausbeutung. Einige in der Studie aufgezeigte Beispiele bestätigen leider, dass diese Gefahren sehr reell sind.

Die Studie präzisiert im übrigen den Begriff Kinder, unter den gemäss UNO-Kinderrechtskonvention alle unmündigen Kinder bis 18 Jahre fallen, für die Problematik der unbegleiteten Minderjährigen. Sehr oft handle es sich bei den minderjährigen Asylsuchenden ohne Begleitung, um Knaben im Alter zwischen 14 und 17 Jahren, die bereits «viele extreme Härten durchlebt» hätten. Wichtig erscheint in dem Zusammenhang der Rat von Fachleuten, dass die Jugendlichen aufgeklärt werden müssen, weshalb sie durch die Behörden in Heime oder Lager verwiesen werden. Das Verschwinden aus Einrichtungen sei fast unvermeidlich, wenn es nicht gelinge, den Jugendlichen plausibel zu machen, dass der Aufenthalt in der Einrichtung nicht bloss eine ihnen auferlegte Verwaltungsmassnahme ist, sondern ein ihren langfristigen Eigeninteressen dienender Entscheid. Diese Bewusstseinsbildungsarbeit müsse sehr früh nach Eintritt einsetzen, weil die meisten Fälle von Verschwinden relativ kurz nach Eintreten passierten, schreiben die Autoren mit Bezug auf die interviewten Fachleute.

Noch viel mehr betroffene Kinder?

Die Ergebnisse der Studie bestätigen, was Menschenrechtskreise bereits seit längerem befürchten und bietet erstmals eine Sammlung von Stellungnahmen erfahrener Personen wie Jugendrichter/innen, Sozialarbeiter/innen und Heimleiter/innen. In der Studie ist die Rede von unbegleiteten Minderjährigen, welche irgendwann einmal ein ordentliches Asylgesuch stellen oder von den Behörden aufgegriffen werden. Die Rede ist im Bericht von Tdh von 631 Kindern, die 2008 ohne Begleitung in der Schweiz waren. Gefährdet sind allerdings auch diejenigen jungen Menschen, die niemals registriert werden. Ihre Zahl ist weitaus grösser, so vermutet das Netzwerk Kinderrechte im Schattenbericht an den UNO-Ausschuss für Kinderrechte vom Mai 2009: «Die offiziellen Zahlen der unbegleiteten Asylsuchenden in der Schweiz sind zwischen 1999 und 2008 von rund 15'000 auf noch rund 630 gesunken. Mit den wiederholten Verschärfungen des Asylrechts wird vermutet, dass unbegleitete Minderjährige kaum mehr Gesuche stellen und sich stattdessen als unbegleitete Sans-Papiers in der Schweiz aufhalten.» Das Schicksal dieser Kinder bleibt auch nach der Studie von Tdh im Dunkeln.

Dokumentation

Weiterführende Informationen

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