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Kein Einzelfall: Wie das System neurodivergente Menschen im Stich lässt

11.05.2026

Der Tod von Theo W. wirft grundlegende Fragen auf: War es ein tragischer Einzelfall – oder ein strukturelles Versagen? Der ADHS-Experte Markus Mäder sagt klar: Viele Krisen in Psychiatrien sind vermeidbar. Ein Gespräch über Reizüberflutung, Fehldiagnosen – und ein System, das Neurodivergenz noch immer unterschätzt.

Interview mit Markus Mäder (59), Laufbahnberater und ADHS-Experte, ADHS-Fachreferent für die Fachstelle adhs20+, Inhaber HR FIRST Consulting GmbH

Herr Mäder, Sie haben sich nach unseren Berichten zum Fall Theo W. bei uns gemeldet. Sie sagen, Theo könnte noch leben. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Der Fall erschüttert mich sehr – sowohl menschlich als auch fachlich. Ich arbeite seit vielen Jahren mit neurodivergenten Menschen, insbesondere im Bereich ADHS, und sehe immer wieder, wie Behandlungen in der Psychiatrie eskalieren können, wenn die Besonderheiten dieser Menschen nicht verstanden werden.

Ich kenne den Fall Theo nicht persönlich, sondern beziehe mich auf öffentlich zugängliche Informationen. Aber vieles deutet darauf hin, dass seine Autismusspektrumstörung (ASS) nicht ausreichend berücksichtigt wurde. Und genau das kann in solchen Situationen lebensentscheidend sein.

Was lief aus Ihrer Sicht konkret falsch?

Ein zentraler Punkt ist die massive Reizüberflutung. Wenn über 20 verschiedene Pflegefachpersonen involviert sind, bedeutet das für einen Menschen mit ASS eine extreme Belastung. Jede neue Person bringt neue Reize – Stimme, Verhalten, Erwartungen und Ausstrahlung.

Hinzu kommt die offenbar wenig zielgerichtete Medikation. Bei neurodivergenten Menschen ist der sogenannte Reizfilter im Gehirn entscheidend. Wenn dieser nicht stabilisiert wird, verstärken sich Krisen eher, als dass sie sich beruhigen. Bei Menschen mit ASS hilft am besten die Kombination eines ADHS-Stimulanz mit einem atypischen Neuroleptikum.

Theo wurde teilweise als aggressiv beschrieben. Wie bewerten Sie das?

Mit grosser Wahrscheinlichkeit handelte es sich nicht um klassische Aggression, sondern um sogenannte Meltdowns.

Das sind Zustände, in denen das Nervensystem völlig überlastet ist. Die betroffene Person verliert die Kontrolle – nicht aus Absicht, sondern aus Überforderung. Das wird in der Praxis oft falsch interpretiert.

Theo war über längere Zeit isoliert untergebracht. Ist das aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Nur im äussersten Notfall. In den meisten Fällen ist Isolation sogar kontraproduktiv.

Das Hauptproblem ist nicht die Reizmenge allein, sondern die innere Spannung, die sich aufgebaut hat – etwa durch Überforderung, Konflikte oder unverstandene Bedürfnisse. Diese Spannung kann nur abgebaut werden, wenn jemand die Situation versteht und begleitet.

Das bedeutet konkret: eine vertraute Bezugsperson, die kontinuierlich präsent ist und mit der betroffenen Person gemeinsam einen Weg aus der Krise findet.

Die Klinik argumentierte, in akuten Situationen müsse die akute Störung behandelt werden, nicht der Autismus.

Das ist genau der Denkfehler.

Wenn man nur Symptome behandelt – etwa Unruhe, Angst oder Aggression –, ohne die zugrunde liegende Reizverarbeitung zu berücksichtigen, verschlimmert sich die Situation oft.

Man muss sich das vorstellen, wie wenn die Schleuse einer Staumauer offen ist: eine Schutzmauer um das darunterliegende Dorf löst die Überschwemmung nicht, sondern nur das Schliessen der Schleuse. Deshalb muss man zuerst den Filter stabilisieren – also die Ursache behandeln.

Sie sind ADHS-Experte. Theo hatte aber eine Autismus Spektrum Störung (ASS). Sind das nicht unterschiedliche Phänomene?

Ja und nein.

Formal sind es unterschiedliche Diagnosen. Aber neurobiologisch gibt es starke Überschneidungen.

Sowohl ADHS als auch ASS hängen mit einem geschwächten Neurotransmitter-Stoffwechsel zusammen – insbesondere beim Noradrenalin. Dieser Botenstoff steuert den Reizfilter im Gehirn, also die Fähigkeit, relevante von irrelevanten Reizen zu trennen.

Was bedeutet das konkret?

Man kann sich das wie ein Spektrum vorstellen:

  • Hochsensibilität: leichte Reizfilterschwäche 
  • ADHS: mittlere Reizfilterschwäche
  • ASS (Asperger): starke Reizfilterschwäche 
  • schwere Autismusformen: sehr starke Reizfilterschwäche

Je schwächer der Reizfilter, desto stärker die Reizüberflutung. Daraus entstehen typische Symptome wie:

  • Überflutung von inneren Reizen (Gedanken, Eindrücke, Gefühle und Impulse) und äusseren Reizen (Hören, Sehen, Fühlen, Riechen, Schmecken) 
  • steigender Stress bei Konflikten oder Veränderungen 
  • eingeschränkte soziale Interaktion 
  • Rückzug oder Überreaktion 
  • im Extremfall Meltdowns oder «Freeze»-Zustände 

Der Unterschied liegt also weniger in der Art als im Ausmass.

Sie sagen, Theo sei kein Einzelfall. Wie verbreitet ist Neurodivergenz überhaupt?

Das ist eine der entscheidenden Fragen – und gleichzeitig eine der schwierigsten.

In der Schweiz wird die Prävalenz von ADHS und ASS nicht systematisch erfasst. Was wir tatsächlich messen, ist vor allem die Medikamentenabgabe – etwa über Statistiken des Schweizer Versorgungsatlas (OBSAN). Das ist aber nur ein indirekter Indikator.

Andere Länder, wie Deutschland, erfassen zusätzlich Diagnosen. Aber selbst diese Zahlen greifen zu kurz.

Warum greifen diese Zahlen zu kurz?

Weil sie die Dunkelziffer nicht erfassen – und die ist enorm.

Offizielle Studien sprechen bei ADHS von etwa 4–6% bei Kindern. Bei Erwachsenen wird oft angenommen, dass nur noch rund 60% betroffen sind. Diese Annahme ist jedoch wissenschaftlich überholt, weil ADHS stark genetisch bedingt ist. Es «verschwindet» nicht – Menschen lernen nur, besser damit umzugehen.

Aus meiner Sicht – und gestützt auf verschiedene Hinweise – liegt die reale Prävalenz eher bei rund 10 % für ADHS und etwa 3–5 % für ASS.

Wie kommt diese grosse Differenz zustande?

Vor allem durch die Dunkelziffer. Diese setzt sich aus mehreren Gruppen zusammen:

  • Kinder und Erwachsene, die diagnostiziert wurden, keine medikamentöse Behandlung in Anspruch nehmen oder irgendwann damit aufgehört haben. 
  • Erwachsene, die einen Verdacht haben, aber keine Abklärung machen wollen 
  • Personen, die Leidensdruck haben, diesen aber nicht einordnen können 
  • Fälle, in denen nur Begleiterkrankungen behandelt werden – etwa Depression, Sucht oder Burnout 

Gerade der letzte Punkt ist entscheidend: Viele psychiatrische Diagnosen sind in Wahrheit Symptome einer unbehandelten Neurodivergenz.

Wie sieht es in Psychiatrien oder Gefängnissen aus?

Dort wird das Ausmass besonders sichtbar.

Eine deutsche Studie aus dem Jahr 2018 kommt auf eine ADHS-Prävalenz von rund 59 % in stationären psychiatrischen Einrichtungen. Auch aus der Praxis hören wir ähnliche Grössenordnungen – teilweise bis zu zwei Dritteln der Patient*innen.

In Gefängnissen dürften die Zahlen vergleichbar sein. Eine schwedische Studie zeigt beispielsweise Werte um die 57 % bei jungen Männern in geschlossenen Einrichtungen.

Das bedeutet: In solchen Institutionen ist Neurodivergenz eher die Regel als die Ausnahme.

Wo steht die Schweiz beim Umgang mit diesen Themen?

Die Schweiz steht hier aus meiner Sicht an einem kritischen Punkt – und gleichzeitig deutlich hinter dem, was fachlich notwendig wäre.

Das Hauptproblem ist, dass es an klaren, aktuellen und verbindlichen Grundlagen fehlt. Beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) wird ADHS nach wie vor stark im Kontext von Kindern und Jugendlichen behandelt. Zudem stützt es sich auf die Deutsche S3 Leitlinie zu ADHS ab, welche seit Mai 2022 überarbeitet werden sollte, was bis heute nicht geschehen ist. Dass ADHS eine lebenslange neurobiologische Besonderheit ist, die auch im Erwachsenenalter eine zentrale Rolle spielt, ist zwar wissenschaftlich längst belegt, aber in den Strukturen noch nicht angekommen.

Noch gravierender ist die Situation bei Autismus: Für Autismusspektrumstörungen existieren in der Schweiz keine eigenständigen, national abgestützten Leitlinien für Diagnostik und Behandlung – insbesondere nicht für Erwachsene.

Das führt dazu, dass viele Fachpersonen auf ausländische, veraltete Richtlinien zurückgreifen müssen oder sich ihr Wissen individuell aneignen.

Ein weiteres Problem ist die grosse Heterogenität im System. Je nach Kanton, Institution oder sogar einzelner Fachperson kann die Qualität der Behandlung stark variieren. Es gibt sehr engagierte und kompetente Fachpersonen – aber es fehlt an einem einheitlichen Standard, der sicherstellt, dass Betroffene überall adäquat behandelt werden.

Hinzu kommt ein strukturelles Defizit in der Ausbildung: Ein grosser Teil der psychiatrischen Fachpersonen hat nur begrenzte spezifische Expertise im Bereich ADHS und ASS, insbesondere in Bezug auf deren Ausprägung im Erwachsenenalter und deren Wechselwirkung mit anderen psychischen Störungen.

Das Ergebnis ist ein System, das häufig symptomorientiert arbeitet, statt ursachenorientiert. Neurodivergenz wird dann nicht als zentrale Grundlage verstanden, sondern als Nebenaspekt – mit entsprechenden Konsequenzen für die Behandlung.

Kurz gesagt: Es fehlt nicht an Engagement, sondern an systematischem Wissen, klaren und aktuellen Leitlinien sowie einer einheitlichen Umsetzung.

Was müsste sich ändern?

Aus meiner Sicht braucht es mehrere grundlegende Veränderungen – sowohl auf struktureller als auch auf praktischer Ebene.

Zentral ist zunächst ein Perspektivenwechsel: Neurodivergenz muss als grundlegender Faktor verstanden werden, der viele andere Symptome beeinflusst oder sogar verursacht. Das bedeutet, dass Diagnostik und Behandlung konsequent ursachenorientiert ausgerichtet werden müssen – nicht nur auf akute Symptome wie Unruhe, Angst oder Aggression.

Ein zweiter entscheidender Punkt ist die Kontinuität in der Betreuung. Menschen mit ASS oder ausgeprägter Reizfilterschwäche sind extrem sensibel auf Veränderungen. Häufige Wechsel von Bezugspersonen, Institutionen oder Settings wirken destabilisierend und können Krisen verstärken oder überhaupt erst auslösen.

Deshalb braucht es:

  • eine klare Fallverantwortung (Case-Management) über längere Zeiträume 
  • möglichst konstante Bezugspersonen, zu denen Vertrauen aufgebaut werden kann 
  • stabile, vorhersehbare Rahmenbedingungen 

Diese Kontinuität ist kein «Nice-to-have», sondern eine zentrale Voraussetzung für Stabilität.

Ein dritter Punkt betrifft den Umgang mit Krisen. Hier müsste sich die Praxis deutlich verändern.

Massnahmen wie Isolation oder rein kontrollierende Interventionen greifen zu kurz, weil sie das eigentliche Problem – die innere Überlastung – nicht lösen. Stattdessen braucht es:

  • frühzeitiges Erkennen von Überforderung 
  • gezielte Reduktion von Reizen 
  • intensive, kontinuierliche Begleitung durch eine vertraute Person 
  • ausreichend Zeit, damit sich die betroffene Person regulieren kann 

Zudem müsste die Behandlung viel stärker individualisiert werden. Neurodivergente Menschen reagieren sehr unterschiedlich – standardisierte Abläufe stossen hier schnell an Grenzen.

Schliesslich braucht es auch auf Systemebene Verbesserungen:

  • aktuelle, wissenschaftlich fundierte Leitlinien für ADHS und ASS über alle Altersgruppen hinweg 
  • bessere Aus- und Weiterbildung für Fachpersonen 
  • eine systematische Erfassung der Prävalenz, um das tatsächliche Ausmass sichtbar zu machen 

Ohne diese Grundlagen bleibt vieles Stückwerk.

Es geht also nicht um einzelne Massnahmen, sondern um ein Umdenken im gesamten System – weg von kurzfristiger Symptombekämpfung, hin zu einem Verständnis für die neurobiologischen Ursachen und die Lebensrealität der Betroffenen.

Quellen