Jenische und Sinti – Anerkennung der Selbstbezeichnung

An der Fecker-Chilbi 2016 in Bern versprach Bundesrat Alain Berset den Jenischen und Sinti die Anerkennung als nationale Minderheit. Eine symbolische Geste an zwei Volksgruppen, welche auf Jahrhunderte der Marginalisierung und Diskriminierung zurückblicken.

Vorgeschichte

Zwischen 1926 und 1973 hat die die Stiftung Pro Juventute mit Hilfe der Behörden bekanntlich mehrere Hundert Kinder aus Familien mit fahrender Lebensweise fremdplatziert. Die Aktion «Kinder der Landstrasse» hatte zum Ziel, die Kinder zu sesshaften Menschen zu «erziehen». Die systematische Wegnahme der Kinder eines Volkes stellt einen kulturellen Genozid dar. 1986 entschuldigte sich der Bundespräsident Alphons Egli für die finanzielle Beteiligung des Bundes an der Aktion.

Jenische und Sinti leiden aber auch heute noch unter Pauschalisierung, Diskriminierung und Vorurteilen. Sie kämpfen seit Jahrzehnten für eine Aufarbeitung der Vergangenheit und eine umfassende Anerkennung.

Anerkennung als Minderheit

Als die Schweiz 1998 das Übereinkommen des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten ratifizierte, hat sie die «Fahrenden» als Minderheit anerkannt.

Die Bezeichnung «Fahrende» repräsentiert mittlerweile nur noch eine kleine Minderheit der Jenischen. Gemäss der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) lebten 2014 in der Schweiz zwischen 30‘000 und 35‘000 Jenische. Nur gerade 10% davon waren nicht sesshaft. Sinti gibt es in der Schweiz nur einige Hundert, die mehrheitlich eine fahrende Lebensweise führen.

Im April 2016 reichten Vertreter/innen von Jenischen und Sinti eine Petition zuhanden des Bundesrats Alain Berset ein. In der Petition fordern sie, dass Jenische und Sinti in der Schweiz unter diesen Selbstbezeichnungen als nationale Minderheiten anerkannt werden und nicht nur indirekt unter dem Namen «Fahrende». Durch eine umfassende Anerkennung der Volksgruppen unter ihrem  Namen erhoffen sich Jenische und Sinti einen wirksamen Schutz ihrer Kultur - Sprache, Geschichte, Bräuche, Selbstorganisation. 

Alain Berset anerkennt Forderung nach Selbstbezeichnung

Im September 2016 fand die alljährliche Fecker-Chilbi statt. Es handelt sich dabei um ein traditionelles Fest der jenischen Bevölkerung. Bundesrat Alain Berset versprach in seiner Eröffnungsrede, dass er die Jenischen und Sinti unter diesen Selbstbezeichnungen als nationale Minderheiten anerkenne und sich dafür einsetzen werde, dass der Bund künftig nicht mehr den Sammelbegriff «Fahrende» verwende. Der Bundesrat kommt damit der über 40 Jahre alten Forderung von Jenischen und Sinti nach offizieller Anerkennung als Minderheit durch die Schweiz nach.

Was bedeutet dies?

Die Anerkennung der Selbstbezeichnung ist vor allem eine symbolische Geste. Die Revision der Wortwahl der Behörden alleine wird keine grösseren Veränderungen bewirken. Trotzdem erhoffen sich Vertreter/innen von Jenischen und Sinti, dass dieser Schritt ihren Anliegen mehr Gehör verschafft. Sie fordern beispielsweise, dass ihre Geschichte auch im Schulunterricht berücksichtigt wird.

Für effektiv Fahrende ist es, trotz Anerkennung als Minderheit in der Schweiz, nach wie vor schwierig, ihre Lebensform auszuüben. Sie fordern seit vielen Jahren mehr Stand- und Durchgangsplätze. In den Kantonen fehlt der politische Wille, um entsprechende Raumplanungsprojekte umzusetzen. Die Anerkennung der Jenischen und Sinti als nicht «nur» Fahrende könnte für die effektiv Fahrenden eine zusätzliche Herausforderung bedeuten. Ihre Bedürfnisse könnten angesichts neuer Schwerpunkte in den Hintergrund rücken.