Update: 15.10.2019

Ein Meilenstein für die Menschenrechtsbildung in Buchform

Das Bild der Menschenrechte
Herausgegeben von Walter Kälin, Lars Müller, Judith Wyttenbach
Lars Müller Publishers, Baden 2008
720 Seiten mit ca. 500 Fotografien
Format: 16,5 x 24 cm
Kosten: Fr. 68

In jüngster Zeit sind im deutschsprachigen Raum einige brauchbare Einführungen zum Thema der Menschenrechte erschienen – die einen in didaktischer Absicht auf ein breites Publikum ausgerichtet, andere eher um akademische Genauigkeit bemüht. So unterschiedlich diese einführenden Werke auch daherkommen, eines ist ihnen gemeinsam: Sie versuchen auf eine analytische und systematische Weise, eine Übersicht über die komplexen Zusammenhänge von Menschenrechtsnormen, internationalen Schutzsystemen, Institutionen und andere Akteure, sowie über altbekannte und neuartige Muster von Menschenrechtsverletzungen zu geben.

Ein Buch, das aus der Reihe tanzt

Auch das vorliegende Werk «Das Bild der Menschenrechte» deckt thematisch das ganze Spektrum der international geltenden Menschenrechte und der Menschenrechtsverletzungen ab. Im Aufbau wie auch in der Text- und Bildauswahl manifestiert sich ein profundes historisches und systematisches Wissen um die weltweite Menschenrechtsbewegung. Und dennoch tanzt das Buch aus der Reihe: Statt die Illusion eines Überblicks verschafft es unzählige Einblicke in die komplexen Zusammenhänge; man trägt weniger analytische Erkenntnisse als vielmehr spezifische Einsichten davon, und diese kommen nicht ausschliesslich rational sondern auch assoziativ zustande. Das Buch erschliesst der Menschenrechtsbildung neue Möglichkeiten, indem sorgfältig ausgewählte Texte mit der Kraft des Bildes gekoppelt werden. Herausgekommen ist nicht etwa ein bebildertes Lesebuch, und schon gar nicht ein reines Bilderbuch, sondern eine Bild-Text-Montage, die im Feld der Menschenrechtsbildung ihresgleichen sucht.

Kommunizierende Bilder und Texte

Die Bildebene des Buches ist unerschöpflich und eigenständig. Die professionellen, oft aussergewöhnlichen Fotographien stammen aus allen Weltgegenden; sie dokumentieren Leid und Hoffnung, Absurditäten und Eigenwille, Ausnahmesituationen und alltägliches Elend, normale Praktiken und unhaltbare Zustände. Die Bilder sprechen erst einmal für sich, manche sperrig und vieldeutig. Man muss gut hinsehen, verweilen können. Sodann sprechen die Bilder aber auch – wegen der treffenden Zusammenstellung –untereinander. Sie umkreisen jeweils ein Thema, laden zum Vergleichen ein, zu ungeahnten Querbezügen, zu Erkenntnissen. Dieses Potential wird noch beträchtlich gesteigert, wenn die Bilder buchstäblich „im Kontext“ gelesen werden, das heisst, im Gewebe der benachbarten Texte, welche selber aus Fragmenten bestehen und in Form von thematisch fokussierten Zitatmontagen ganz unterschiedliche Perspektiven auf ein bestimmtes Menschenrechtsthema eröffnen. Textstücke und Bilder, Bilder und Bilder, Texte und Texte, Bilder und Textstücke: alle kommentieren einander, meistens bringen sie einander zum Sprechen, manchmal auch zum Verstummen. Die präsentierten Textfragmente sind so differenziert und vielfältig wie die Bildwelten: Ausschnitte aus Menschenrechtsberichten, exemplarische Rechtsprechungen, Referenztexte aus Menschenrechtsabkommen, Partikel aus der täglichen Nachrichtenflut, Statistiken, aber auch Auszüge aus literarischen Werken, poetische Einsprengsel, Maximen und Sinnsprüche. Selbstverständlich würde man im Einzelnen gerne den einen oder anderen Text durch etwas anderes ersetzt sehen. Denn so treffend gewählt die meisten Texte sind: absolut zwingend ist kaum einer. Doch darum geht es hier nicht. Kritische Einsprüche im Detail sind kein Argument gegen die gelungene Versuchsanordnung. Indem assoziativ Tatsachenwissen, an Bilder gebundene Gefühlswerte und Bewertungsmassstäbe aktiviert werden, hat das Buch eine die eigene Erinnerungs- und Urteilsfähigkeit belebende Wirkung. Und das gehört zum besten, was man von Menschenrechtsbildung erwarten darf.

Zum Beispiel das Recht auf Wohnen

Nehmen wir als exemplarisches Beispiel das kleine Unterkapitel zum Recht auf Wohnen. Nach einem Intro mit Fotos aus allen Kontinenten vor allem vom Alltag in Slums und statistischen Angaben zur weltweiten Wohnungsnot finden sich einige grundsätzliche  Erläuterungen zum Recht auf Wohnen: Was beinhaltet dieses Recht? Welche staatlichen Pflichten sind daraus abgeleitet? Welche Art von Obdach gilt als menschenwürdig? Als nächstes folgt ein seltsam beschauliches und friedliches Bild eines Erdbebenopfers in einem türkischen Lager, dann eine märchenhafte Jurte in Sibirien, welche ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt, gefolgt von einem Paar beim Probesitzen auf einem Sofa im Kaufhaus. Nun wird der Bilderstrom des „guten Lebens“ unterbrochen mit einer Textseite zu internen Vertreibungen, zur Zerstörung von Häusern als einer Kriegstaktik, zur Diskriminierung von Roma auf dem Wohnungsmarkt, Passagen zum Recht auf Wohnen aus internationalen Menschenrechtsabkommen und einem Urteil des obersten Gerichtshofs von Indien, auf der Gegenseite zwei Fotodokumente zur Zerstörung einer Slumsiedlung in Bangladesh und zur Brandschatzung eines albanischen Dorfes in Mazedonien, gefolgt von einer schauerlich schönen Doppelseite mit einem halbzerstörten neben einem ganzen Haus, nach dem Krieg in Bosnien 1996. Dann wieder eine Textseite mit einem Ausschnitt aus einem Bericht des UNO-Sonderberichterstatters zum Recht auf Wohnen zur weitverbreiteten gewohnheitsrechtlichen Regelung, wonach Frauen vom Wohneigentum ausgeschlossen werden, darauf ein Ausschnitt aus einem Urteil des südafrikanischen Verfassungsgerichts, das den Ausschluss der ärmsten Bevölkerungsschicht aus einem staatlichen Wohnbauprogramm verurteilt sowie das Zeugnis einer singhalesischen Frau, welche keine Nacht in ihrem Haus verbringt aus Angst vor Übergriffen der tamilischen Befreiungsfront. Und daneben passende kleingedruckte Normen aus dem internationalen Recht. Auf der gegenüberliegenden Seite eine obdachlose Familie in Bangladesch, eine obdachlose Frau im dicken Pelz mit drei kleinen Hunden in Moskau. Danach weitere Bilder und Texte zu Strassenkindern und Familienobdachlosigkeit und abschliessend zum Unterkapitels wie immer eine Doppelseite zur Rolle der internationalen Gemeinschaft und der Zivilgesellschaft, mit Portraits von entsprechenden Institutionen, NGO und exemplarischen Projekten. Als Schlusspunkt folgt das Stilleben einer Villa in Beverly Hills, gewürzt mit einem Zitat zum Wohnen im Slum.

Ein ideales Weihnachtsgeschenk

Die sorgfältige Gestaltung des über 700 Seiten starken Werkes ist wesentlich mitverantwortlich dafür, dass das unüberschaubare Material nicht als chaotischer Haufen erscheint, sondern als ein strukturiertes Ganzes, das einlädt zum Schmökern, zum Schauen, zum Sinnieren, zum Herstellen von Bezügen. Im Vergleich zu einer CD-Rom ist der Freiheitsgrad für die Lesenden grösser, die didaktische Gängelung entsprechend kleiner. Und dennoch können sowohl jene vom Gebotenen profitieren, für die das Gebiet des Menschenrechtsschutzes weitgehend Neuland ist wie auch jene andern, die sich bereits näher damit beschäftigt haben. Deshalb ist das Werk auch ein Glücksfall für spezifisch schweizerische Weihnachtsnöte (des Überflusses und Überdrusses): Es eignet sich als Geschenk für (fast) alle, ganz besonders für alle Lehrenden und Lernenden von der Sekundarstufe I bis ins hohe Alter. Ein besonderer Dank gilt den Herausgebenden für ihre wahrlich aussergewöhnliche Leistung: dem Verleger Lars Müller und seinem Team für die Bildredaktion und die gestalterische Arbeit, Judith Wyttenbach und Walter Kälin die Textauswahl und die eigenen erhellenden Zusätze.

Alex Sutter

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