Wie Unterernährung und Hunger überwunden werden können

Die Umsetzung des Rechts auf Nahrung ist angesichts der Tatsache, dass weltweit 842 Millionen Menschen Hunger leiden, eine besondere Herausforderung. Dieser stellte sich auf UNO-Ebene vor sechs Jahren Olivier de Schutter, UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Er hat sich der Problematik mit viel Scharfsinn angenommen. Nun ist Anfang 2014 sein Mandat ausgelaufen. In seinem Abschlussbericht nährt de Schutter die Hoffnung, dass Hunger und Unterernährung überwunden werden können. Dafür sei jedoch ein Umdenken aller Beteiligten, insbesondere von Grossproduzenten, Konsumenten und Regierungen dringend notwendig. De Schutter propagiert eine nachhaltige Koordination aller Beteiligten über Regionen, Zeiten und politische Steuerungsebenen hinweg.

Zusammenarbeit und nachhaltige Strategien sind der Schlüssel

Die Ausrottung von Hunger und Unterernährung sei ein erreichbares Ziel, schreibt de Schutter in seinem Schlussbericht. Um dieses zu erreichen, sei allerdings die komplette Umgestaltung des Ernährungssystems notwendig. In einem ersten Schritt seien auf lokaler Ebene die Gemeinschaften zu befähigen, Hindernisse in der Produktion und Lösungswege selber zu erkennen. Dies müsse einhergehen mit unterstützenden politischen Strategien auf nationaler Ebene, welche sicherstellen, dass die verschiedenen politischen Reformen in allen relevanten Bereichen (Landwirtschaft, rurale Entwicklung, Gesundheit, Bildung und sozialer Schutz) richtig aufeinander abgestimmt werden.

Gleichzeitig müssten auf internationaler Ebene Strategien entwickelt werden, welche sich positiv auf die Fähigkeit der Staaten auswirken, der Bevölkerung das Recht auf Nahrung zu garantieren. De Schutter denkt dabei an Massnahmen in den Bereichen Handel, Ernährungshilfe, Schuldenerlass und Entwicklungszusammenarbeit. Die Ernährungssysteme müssten demokratisiert werden, d.h. die Gemeinschaften müssten die Möglichkeit erhalten, zu wählen welchem Nahrungssystem sie angehören wollen und wie diese Systeme umgestaltet werden müssen. In diesem Zusammenhang spricht de Schutter von Nahrungssouveränität. Sie sei die Voraussetzung für die volle Realisierung des Rechts auf Nahrung. Es sei das Paradox einer zunehmend verflochtenen und von einander abhängigen Welt, dass sie eine zunehmende Zusammenarbeit unter den Staaten notwendig mache.

Lokale Bedürfnisse bleiben heute auf der Strecke

Das aktuelle Ernährungssystem setzt gemäss de Schutter viel zu stark auf Grossproduzenten, die einzig die Profitmaximierung im Auge haben. In diesem System leidet vor allem die ländliche Bevölkerung, wie auch die Statistik zeigt. 80 Prozent der Hungernden weltweit leben heute auf dem Land, 50 Prozent davon sind ursprünglich Kleinbauern oder Kleinbäuerinnen. Es brauche deshalb Strategien, welche die lokalen Ernährungssysteme stärkten, so de Schutter. Konkret sollen die Massnahmen der Staaten und der Staatengemeinschaft dafür sorgen, dass Bäuerinnen und Bauern Produkte anbauen können, die dem lokalen Bedarf entsprechen. Nun seien Investitionen nötig für diese ländliche Entwicklung und für Kleinbauernbetriebe, denen der Zugang zu Land, Technologie, Saatgut und Wissen im globalisierten Markt heute oft fehlt.

Was für die Schweiz und ähnliche Staaten wichtig ist

De Schutter formuliert zahlreiche Empfehlungen zur Sicherung des Zugangs zu Ressourcen, zur Unterstützung lokaler Ernährungssysteme, für die Erarbeitung nationaler Strategien und günstiger internationaler Rahmenbedingungen. Viele dieser Empfehlungen betreffen auch Industriestaaten wie die Schweiz und private, transnationale Unternehmen, die ihren Hauptsitz meist in diesen Staaten haben. Gefordert sind gemäss de Schutter die Verantwortlichen in den Bereichen Politik, Entwicklungszusammenarbeit und Wirtschaft. Zu den Empfehlungen gehören unter anderem:

  • Stärkung herkömmlicher Besitzsysteme;
  • keine Zulassung von Patenten auf Pflanzen; 
  • Bereitstellung von öffentlichen Einrichtungen wie Lagermöglichkeiten, Beratung und Zugang zu Krediten und Versicherungen;   
  • Erhöhung der Budgets für die Forschung ökologischer Landwirtschaft;
  • die Unterstützung von landwirtschaftlichen Genossenschaften;
  • Erlass von gesetzlichen Regelungen über die Vermarktung von Lebensmitteln;
  • Abgaben auf Soft Drinks und ähnlichen Lebensmitteln;
  • Massnahmen gegen Spekulation auf den Agrarrohstoff-Terminmärkten;
  • Verringerung der Anreize für die Produktion pflanzenbasierter Biotreibstoffe;
  • Förderung des Rechts auf Nahrung als eine Priorität in der Entwicklungszusammenarbeit.

Reaktionen von NGOs

Der Bericht von de Schutter stösst bei Menschenrechtsorganisationen, die im Bereich Recht auf Nahrung spezialisiert sind, auf positive Resonanz. Die Schweizer Sektion der Organisation FIAN sieht in de Schutters Empfehlungen eine Grundlage für künftige Strategien und Massnahmen. Der Bericht stelle ein Vermächtnis an alle Akteure im Welternährungssystem dar, so FIAN. Auch das katholische Hilfswerk Misereor sieht in de Schutters Bericht eine „zutreffende Analyse“. De Schutter habe von „offizieller Seite“ für die Interessen der Benachteiligten und Marginalisierten Partei ergriffen und eine neue Logik eingefordert.

Quellen

Weiterführende Informationen

  • Landwirtschaft und Biodiversität
    Dokumentation und Hintergründe bereitgestellt von der Erklärung von Bern (EvB)
  • Land Matrix
    Öffentliche Online-Datenbank über den Handel mit Land (in Englisch)
  • Kehrtwende im Welternährungssystem gefordert
    Hintergrund im Newsletter 3/2014 von deine_stimme_gegen_armut.de

01.07.2014